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Archiv Hirnbriefe 2017

1(2017) Farbe

2(2017) Sehen und Unterbrechung3

3(2017) Drei Arten des Sehens

1(2018) Zeit und Identität

Nr  1 2017

 Farbe

 

Stellen Sie sich vor, dass Sie das Gehirn auf dem Entwicklungsstande von vor 50 Millionen Jahren seien. Sie warten in Ihrem Schädel darauf, dass Sie sich zu einem modernen Gehirn entwickeln. Immerhin hatten Sie zuvor so lange gewartet, dass Sie nun schon über ein Säugetier das Kommando führen.

Was Sie nun erleben werden in Ihrer Weiterentwicklung, stelle ich Ihnen in Form einer Überspitzung dar. So ist es nicht wirklich gewesen, aber wenn es doch so gewesen wäre, wären die Auswirkungen dieselben gewesen. Und mir hätte es gut gefallen.

Damals konnten Sie noch keine Farben sehen. In Ihren Augen befand sich nur eine Sorte von Empfängerzellen. Alles andere war jedoch bestens ausgearbeitet: Wie ein heutiger Mensch sahen Sie Bewegungen, Gegenstände, räumliche Anordnungen, Helligkeiten. Auf das erfolgreiche Funktionieren Ihner Seh-Abteilung waren Sie angewiesen.

 

Am Abend legten Sie sich ins Bett. Als Sie am anderen Morgen erwachten, sah die Welt irgendwie anders aus als Sie es gewohnt waren, was Ihnen völlig unverständlich war. Zugleich konnten Sie aber alles Gewohnte weiterhin erkennen. Ihr Eindruck war so ähnlich wie damals, als zum erstenmal in Ihrem Leben eine Jazzkapelle Ihnen das Wiegenlied vorspielte, das Ihnen Ihre Mutter, als Sie ein Kind waren, jeden Abend vorgesungen hatte. Einerseits konnten Sie die altvertraute Melodie sofort heraushören, aber es war auch etwas völlig Neues, nie Gehörtes hinzugekommen, das nicht eigentlich die Melodie betraf, das Sie jedoch sofort, ohne Ihr Hirn umzubauen, als etwas völlig Getrenntes erkennen konnten, nämlich die Art und Weise, wie die Kapelle eine Melodie spielte.

So also fühlte sich das an, was Sie sahen. Ich muss nun auch verraten, was passiert war: Heimlich hatte ich Ihnen in der Nacht einen Teil Ihrer Licht-Empfängerzellen in der Netzhaut des Augenhintergrundes durch andere von einer neuen Sorte ersetzt. Für diese neue Sorte haben die Farben andere Helligkeiten als für die alte Sorte. Das hat zur Folge, daß aus den Netzhäuten Ihrer Augen jetzt Signale in Ihr Inneres strömen, die es zuvor nie gegeben hat. Nicht daß es die Signale einzelner Nervenfasern wären, die ungewöhnlich waren, aber es traten jetzt Kombinationen von Erregungen auf, die zuvor nie vorgekommen waren.

Das lag daran, daß Sie sich niemals auf nur eine einzige Nervenzelle für eine Aufgabe verlassen haben (im Gegensatz zu den Insekten, die aus diesem Grunde das Abitur nicht schaffen, und die wir deshalb verachten). So hatten Sie in Ihren Augen immer mehrere Zellen, die dieselbe Stelle im Gesichtsfeld zu bearbeiten hatten.

Nun, nach dem nächtlichen Streich, den ich Ihnen gespielt hatte, konnte es zu folgender Situation kommen: Die Zellen, die in zwei kleine benachbarte Gebiete Ihres Gesichtsfeldes schauten, meldeten, daß Gebiet 1 heller als Gebiet 2 sei. Zugleich gab es aber eine weitere, von anderen Zellen übertragene Meldung, daß nämlich Gebiet 1 dunkler als Gebiet 2 sei. Solche Ihnen völlig unverständlichen Widersprüche konnten Sie als solche sofort wahrnehmen, und es waren diese Widersprüche, die Sie hinfort als Farbe auffaßten.

Wenn da zwei farbige Flächen waren, dann gab es von nun an verschiedene Ansichten darüber, welche nun dunkler oder heller sei, je nachdem, welcher Typ Empfängerzellen am Anfang der Signalkette stand. Diesen Unterschied kannten Sie aber nicht, Sie benutzten Ihre Fasern, die aus den Augen kamen, weiterhin, ohne sie zu unterscheiden.

Nun hatten Sie ja schon damals ein hervorragendes Sehvermögen, aber natürlich waren Sie auf die traditionelle Zusammensetzung der Signale angewiesen. Die Widersprüche in den neuen Signalen hatten nicht nur Auswirkungen, wenn Helligkeiten, sondern auch wenn Bewegungen und Formen verarbeitet wurden. Das konnte also nur heißen, daß Sie irgendetwas nun nicht mehr ganz so gut sahen wie zuvor, daß Sie also etwas Neues auf Kosten vom Alten sahen. So etwas kann durchaus einen Nettovorteil bieten, solange der Verlust an Ihren alten Fähigkeiten geringfügig bleibt, bzw. Fälle heftiger Störungen selten bleiben, aber das Neue doch schon einen deutlichen Nutzen bietet.

Die Sache war also ein Balanceakt zwischen einer langweiligen, altbewährten, aber überlebenswichtigen Funktion, nämlich dem zuverlässigen Grau-in-Grau-Sehen von Formen und Bewegungen, und einer völlig verjazzten, vielleicht sehr schönen, zumindestens interessanten Darbietung von Anblicken, nämlich dem Farbensehen.

Würde man nicht mich, sondern einen Ingenieur an die Entwicklung eines Systems zum Farbensehen heranlassen, dann hätte der sicherlich den Farbbereich des Sonnenlichts in mehrere gleiche Teile geteilt, und jeden mit einem dafür besonders empfindlichen Typ von Licht-Empfängerzelle abgedeckt. Hätte er Ihnen über Nacht solche Zellen an Ihr altes Neuronensystem gehängt, wäre Ihr Erwachen die totale Jazz-Matinée gewesen. Wunderschön vielleicht, aber Sie wären praktisch blind gewesen: Sie hätten nur noch heftigste Eindrücke von der Art gehabt, von der man einen schwachen Nachgeschmack erhalten kann, wenn man etwa versucht, blaßgrüne Schrift auf genau gleichhellem blaß-orangen Grund schnell zu lesen.

Lassen Sie sich nicht verführen von einem Ingenieur, der Ihnen nur Jazz bietet. So kann es nicht gehen. Ich hingegen war viel vorsichtiger, ich begann nämlich stattdessen mit nur zwei Typen von Empfängerzellen, einem alten, der für Gelb am empfindlichsten war; und einem neuen, blau-empfindlichen. Um die Konflikte gering zu halten, habe ich vom letzteren nur ganz wenige genommen. Das ging zunächst mal ganz gut, und wie ich mich erinnere, waren Sie sehr erfreut über den munteren Anblick der Welt.

Es war nun aber das Bestreben, Ihr Sehsystem auch bezüglich seiner alten Fähigkeiten - Formen, Bewegungen - weiter auszubauen, und zwar fügten Sie nun der Netzhaut in ihrer Mitte, der Stelle des schärfsten Sehens, immer höher entwickelte Teile mitsamt einem entsprechend leistungsfähigeren Verarbeitungssystem hinzu. Dabei mußten Sie jedoch leider den oben geschilderten ersten Versuch eines Farbensehens wieder abbrechen, weil unter den erhöhten Anforderungen die zuvor akzeptablen Störungen nun doch nicht weiter hinnehmbar waren. Zu Ihrem Bedauern mußte ich Ihnen also an der Stelle des schärfsten Sehens die neuen Blauzellen wieder ausbauen. Aber da musste ich hart bleiben; Sie sollten ja wirklich gut sehen können.

Erinnern Sie sich, wie wir damals sinnierten, wie Sie doch noch zu Ihrem Vergnügen kommen könnten? Wir starteten noch einen zweiten Versuchsballon, und ersetzten erneut Zellen in Ihrer Augennetzhaut, wieder zwei Sorten statt einer. Dieses Mal machte ich es aber anders: Ich nahm nur die alten Gelb-Zellen her, und ersetzte überall, also auch mitten im Gebiet des schärfsten Sehens, ungefähr die Hälfte der Empfängerzellen durch solche, die sich nur geringfügig von den alten unterschieden. Hätte man diese allein, würde man sie daher ebenfalls Gelbzellen nennen. Sie sind aber im Vergleich zu den anderen "Gelb-mit-einem-ganz-schwachen-Stich-Rötlich-Zellen". Das erschien dem Ingenieur ganz unsinnig, weil man damit Farben nur mit Mühe unterscheiden konnte, aber so wurde sichergestellt, daß die Bedingungen, unter denen widersprüchliche Signale im alten System auftraten, nur selten erfüllt waren: Es gab kaum Streit darüber, welche von zwei Flächen verschiedener Färbung nun die hellere sei. Und siehe da, das funktionierte auch im zentralen Bereich des schärfsten Sehens. Der Ingenieur war beleidigt und verschwand; mir war er ohnehin immer unsympathisch gewesen.

Es funktionierte sogar sehr gut: Sie konnten nämlich nicht nur pauschal "Etwas Überraschendes, Verjazztes" identifizieren, was Sie sogleich als "Farbe" bezeichneten, sondern sogar mehrere Farben (mehrere verschiedene Jazz-Orchester) unterscheiden, und auch bemerken, ob nur eines, oder zwei von ihnen gleichzeitig spielten. Dafür brauchte Sie im Nervensystem nichts umzubauen. Das konnten Sie nahezu sofort. Vor allem hatten Sie es überhaupt nicht nötig, (wie der Ingenieur es sich vorgestellt hätte,) in der Verarbeitungskette von Zelle zu Zelle die Botschaft weiterzureichen bis mitten in Ihr Gehirn hinein, daß eine bestimmte Erregung ganz da draußen von den Blauzellen herkam, um erst dadurch zu wissen, daß es sich um die Farbe "Blau" handelte.

Ihr Farbensehen befindet sich auch heute noch im Wesentlichen in dem beschriebenen Zustand. Außer in der Netzhaut haben Sie überhaupt nichts in Ihrem Inneren umgebaut. Sie wundern sich immer noch über diese überraschenden Signale, als ob Sie sie erst seit gestern empfangen hätten, und sprechen ihnen deshalb, wie allem Nie-Zuvor-Gesehenen, eine große Rolle in der Kunst zu, und berichten besonders gern darüber.

Machen Sie die Probe: Bitten Sie mal eine beliebige Person, irgendetwas Beliebiges über das Sehen zu sagen. Drei Hirnforscher haben das, als sie just auf dem Hof einer Universität über diese Fragen diskutierten, mal ausprobiert: Der erste Passant, ein Student, wurde angehalten, und um einen Kommentar über das Sehen gebeten: "...just what comes to your mind when you think of 'seeing' " (Es war natürlich in Amerika). Er dachte ziemlich lange nach. Dann stieß er plötzlich nur ein einziges Wort hervor: "Color!". Wegen der geballten Aussage brachen die drei Forscher in schallendes Gelächter aus, was eine anschließende Beschwichtigung des verdutzten Studenten erforderte.

Oder machen Sie eine andere Probe: Verschaffen Sie sich eine wissenschaftliche Zeitschrift, die das Sehen zum Thema hat, und stellen Sie fest, welch erstaunlich hoher Bruchteil der Veröffentlichungen vom Farbensehen handelt.

Machen Sie aber auch eine dritte, umgekehrte Probe: Beim Versorgungsamt, zu dessen Aufgaben es gehört, Behinderungen in prozentuale Erwerbsminderungen umzurechnen, fragen Sie die zuständige Ärztin nach der Anerkennung von Farbenblindheit. Was sagt sie? "Ein Leiden, das nicht mindestens 10% bringt, wird hier überhaupt nicht erst angegeben". In einem Amt war überhaupt kein Fall bekannt, bei dem eine Störung des Farbensehens als Behinderung eingestuft worden wäre, obwohl etwa bei Kraftfahrern, wegen der Verkehrsampeln, eine Anrechnung möglich wäre. Hingegen ist eine Person, der das Formen- und Bewegungssehen fehlt, völlig blind, und entsprechend wird ihr eine sehr hohe Minderung der Erwerbsfähigkeit bescheinigt.

In der Tat ist das Farbensehen beim Überqueren einer stark befahrenen Straße, oder der Ausübung handwerklicher Tätigkeiten nur in geringem Maße hilfreich. Die Fernsehtechniker sagen dazu, daß der Gesamtumfang der zu übertragenden Fernsehsignale nur wenig größer wird, wenn man statt eines Schwarz-Weiß-Bildes ein farbiges übertragen will.

Das ist aber nicht der wesentliche Punkt, denn es kann ja wohl nicht im Ernst ein Entwicklungsschritt in Ihnen passieren, dessen Witz ausschließlich darin besteht, Ihnen einen künstlerisch interessanten, schrillen Eindruck zu verschaffen. Vielmehr kommt der eigentliche Wert des Sehens von Farben zum Tragen, wenn es um das Klassifizieren des Gesehenen geht, welches immer erfolgen muß, wenn man einen Gegenstand erkennen oder wiedererkennen will. Hat man kein Farbensehen, dann muß man dazu erst die Anblicke, die der Gegenstand aus verschiedenen Entfernungen und Richtungen, und bei verschiedenen teilweisen Verdeckungen, bietet, in komplizierter Weise umrechnen, bis eine Übereinstimmung mit einem gespeicherten Seh-Eindruck entstehen kann. Hat der Gegenstand hingegen auch noch eine Farbe, wird der Vorgang der Erkennung erheblich vereinfacht, weil der Farbeindruck im allgemeinen nicht von der Richtung und Entfernung abhängt, und die Farbe völlig unverändert zwischen teilweiser Verdeckung hindurchschimmern kann. Wenn möglich, versucht man also, um Rechenarbeit zu sparen, und damit schneller zu sein, einen Gegenstand an seiner Farbe zu erkennen.

So nützt die Farbe also vor allem bei der Wiedererkennung von Gegenständen, aber weniger bei der Erkennung von Anordnungen und Bewegungen, wie sie bei der täglichen Arbeit anfallen. Darüberhinaus bleibt Ihnen weiterhin beim Anblick von Farbe ein bißchen Überraschung reserviert. Diese nicht ernst nehmen zu müssen, nicht erschrecken zu müssen, bereitet Ihnen besonderes Wohlbehagen. Die Farbe ist in Ihnen wie der Hofnarr in früheren Zeiten (der ja viel wichtiger war als seine Bezeichnung erkennen läßt): sie benimmt sich auffällig, und sagt Wahrheiten. Der König amüsiert sich zwar über sie, aber heimlich richtet er sich nach ihr.

 

 

 

 

Nr  2 2017

 

Sehen und Unterbrechung
               
Ein großer Teil der Hirnforschung befasst sich damit, was da im Nervensystem bearbeitet oder dargestellt wird. Es gibt jedoch auch noch ein System, dem es gleichgültig ist, was in ihm bearbeitet wird: In den vier Hirnbriefen beginnend mit Nr. 45/46 (2010), und auch noch 3/4 (2011) hatte ich über ein neuronales "Nichts"-System geschrieben, dessen Aufgabe ist, festzustellen, dass sich nichts geändert hat, wie gesagt, egal was das ist. Jedenfalls, wenn dieses System seine Signale von sich gibt, dann heißt das für das eigentlich inhaltsverarbeitende System ("Was"-System), dass dieses sich jegliche Verarbeitung ersparen kann, weil das, was einmal erarbeitet wurde, unverändert weiter gilt. Zunächst sieht es so aus, als ob die letzten Sätze eine Beschreibung rein neuronaler Sachverhalte wären, wenn nicht gesagt würde, dass da etwas "gilt".
 
Wenn man mal die Welt überblickt, dann gibt es sehr viel, was sich nicht ändert. Oftmals ist die Konstanz jedoch nicht auf dem niedrigsten physikalischen Niveau: Ein Baum ist derselbe auch noch nach einem Jahr. Wachstum und Blätterbewegungen kann man vom konstanten höheren Konzept "derselbe Baum" abspalten.
 
Im Hirnbrief 2; 2015 ("Unterbrechung 4") hatte ich einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, unterbrochene Prozeduren später fortzusetzen, und dem Bewusstsein erörtert. Es geht dabei um die Fälle, bei denen die für den späteren Wiederstart erforderliche Daten abgespeichert werden müssen. Der wesentliche Punkt war, dass es diese Daten sind, von denen sich die Bewusstseinsinhalte herleiten. Es wurden auch Varianten wie z.B. Abspeicherungen und dann doch nicht eingetretene Unterbrechungen betrachtet. Auch gab es als Beispiel, dass man unter der Dusche seinen Körper wäscht, und dabei "mit den Gedanken ganz woanders ist". Wenn dann mittendrin das Telefon klingelt und man das Gespräch annimmt, dann ist die Prozedur "Körper waschen" ganz zweifellos unterbrochen, und man kann sie ohne besondere Erinnerungs-Maßnahmen nicht an der Stelle der Unterbrechung fortsetzen.
 
Andererseits ist da der Fall des Sehens, während man die Augen bewegt. Auf dem phänomenalen Niveau des Bewusstseins erscheint eine stabile Wahrnehmung. Beispielsweise während einer Unterhaltung mit anderen Personen führt man ca. dreimal pro Sekunde eine Änderung der Blickrichtung ("Sakkade") durch, oftmals um große Drehwinkel. Dennoch bleibt über die gesamte Zeit die Wahrnehmung des Mobiliars stabil. Man beachtet diese Hintergrundszene zwar nicht, aber man empfindet sie als unbewegt und auch als identisch, und nicht etwa als sehr ähnlich zu einem vorangegangenen Anblick.

Nun ist auch die visuelle Wahrnehmung ein dem Bewusstsein angehöriger Vorgang. Man nimmt 16 Stunden am Tag ständig etwas wahr; Unterbrechungen der Wahrnehmung sind jedoch nicht ersichtlich oder erscheinen zumindest nicht dominant. Wie kann nun die Geschichte einer ununterbrochenen Wahrnehmung zusammenpassen mit der Idee, dass die Erscheinung "Bewusstsein" mit der Verwaltung von Unterbrechungen verknüpft ist? Zunächst erscheinen Augenbewegungen als Kandidaten für Unterbrechungen, aber es spricht dagegen, dass die meisten Blickrichtungsänderungen nicht bewusst werden, beispielsweise während man eine Rundfunksendung hört. Wieso sollte man denn überhaupt visuell etwas wahrnehmen während solcher Momente? Wieso verlöscht die Wahrnehmung nicht, wie das vom Gesäß per Tastsinn vermittelte Gefühl, dass man auf einen Stuhl sitzt? Allerdings fällt sofort auf, dass das Gesäß nicht dreimal pro Sekunde eine Sakkade durchführt, und andererseits eine jede visuelle Wahrnehmung völlig verlöscht, wenn man durch technische Tricks selbst kleinste Bildverschiebungen verhindert, die bei Augenbewegungen auftreten würden.

Die Rolle des obengenannten "Nichts"-Systems ist, eine laufende visuelle Prozedur als "nicht unterbrochen" zu erkennen, auch wenn heftige neuronale Erregungsänderungen in den Netzhautneuronen bei Blickwendungen dies nahelegen würden. Dazu muss dieses System die besonderen Charakteristika der Erregungsänderungen erkennen, und von anderen, die von tatsächlichen Szene-Änderungen herrühren, unterscheiden. Wenn also eine (normalerweise großflächige) Erregungsänderung passiert, ihr Zeitverlauf typisch für sakkadische Augenbewegungen ist, diese ungefähr dreimal pro Sekunde passiert, und vielleicht auch noch ein dazu passendes Kommando an die Augenmotorik verfügbar ist, dann signalisiert dieses System: "es hat keine Unterbrechung laufender visueller Prozeduren gegeben". Ich nehme an, dass das tatsächliche Ausgangssignal dieses Systems (ggf. nach neuronalen Umrechnungen) aus einer Abwesenheit von Erregung besteht, ebenso wie wenn zwischen zwei Augenbewegungen alles konstant bleibt; auch da gibt das System keine Erregung ab. Sobald es jedoch eine echte Änderung in der Szene gibt, liefert es eine Erregung, und daraufhin muss das "Was"-System seine Analysearbeit leisten. Insgesamt wird viel Arbeit eingespart, weil das "Nichts"-System zwar ständig laufen muss, aber nur eine relativ einfache Analyseleistung zu erbringen hat.

Die Sache hat dreierlei Auswirkungen: 1. Die visuelle Szene wird nicht abgespeichert, wenn sakkadische Augenbewegungen das Netzhautbild verschieben, und kommt somit nicht immer wieder neu ins Bewusstsein, 2. die eingenommenen Blickrichtungen werden nicht bewusst, d.h. man weiß nicht, wo man hingeschaut hat, während man eine Rundfunksendung hört, und 3. ein kleines Zeitfenster entsteht, in dem diese Organisation getäuscht werden kann, wenn nämlich eine tatsächliche Szenenänderung genau im Moment einer Augenbewegung erfolgt. Sie muss sehr schnell gehen, und darf nicht über Beginn und Ende der Sakkade zeitlich hinausragen. Wenn diese Bedingungen eingehalten sind, wird eine echte Szenenänderung nicht bemerkt, es sei denn, man richtet die Aufmerksamkeit direkt auf das sich verändernde Detail.

Wenn ich eine Prozedur starte, die zunächst eine visuelle Steuerung verlangt, dann ist der Ablauf folgender: Beispielsweise betrete ich ein Zimmer. Ein Neubeginn einer Prozedur ist wie eine Unterbrechung, aber auch diese Prozedur kann schon die Fortsetzung einer schon früher gelaufenen Prozedur sein. Das Was-System zeigt in wenigen Dutzenden von Millisekunden, wie es im Zimmer aussieht; eine episodische Speicherung wird angelegt, oder ist schon vorhanden. Wenn anschließend keine aktive visuelle Steuerung erforderlich ist, soll das Nichts-System "keine prozedurale Unterbrechung" signalisieren, und man nimmt andauernd eine identische Szene wahr.

Diese unaufmerksame Wahrnehmung wird also nicht in jeder Millisekunde vermittelt durch die von der Netzhaut kommenden aktuellen Erregungen, sondern durch eine einmalige anfängliche Szenendarstellung, die in naturwissenschaftlich völlig unverständlicher Weise phänomenal über lange Zeit "stehenbleibt". Das ist eben die Konsequenz davon, dass ein kurzzeitiger neuronaler Vorgang eine langanhaltende Bedeutung, d.h. einen langanhaltenden Bewusstseinsinhalt haben kann. Allerdings müssen dafür die neuronalen Signale von der Netzhaut vorhanden sein, aber nicht, um das Bild darzustellen, sondern um dem Nichts-System die Möglichkeit zu geben, die optischen Auswirkungen von Augenbewegungen zu erkennen, und die anfängliche Wahrnehmung als weiterhin gültig zu erklären. Wie schon gesagt, kann dieses System nicht funktionieren, wenn man durch technische Maßnahmen selbst kleinste optische Auswirkungen von Augenbewegungen absolut unterbindet. Dann verschwindet die gesamte visuelle Wahrnehmung; man sieht "Eigengrau". Weil das Gesäß von vornherein keinen sakkade-ähnlichen Mechanismus bereithält, verschwindet die Tastsinn-Wahrnehmung vom Sitzen auf einem Stuhl. Dasselbe gilt für das Hören: irgendwelche Eigenbewegungen der Ohren verursachen keine Geräusche, die in Konkurrenz treten könnten mit echten Außenweltgeräuschen. Deshalb werden Geräusche nur so lange wahrgenommen wie der physikalische Reiz dauert. Wenn ich im Dunkeln auf einen trockenen Ast trete, der zerbricht, dann könnte es ja durchaus sinnvoll sein, den nun durchgebrochenen Ast weiterhin darzustellen. Dafür kann das auditive System nur das visuelle System zu Hilfe nehmen, und diesen Ast als visuelle Vorstellung weiterleben lassen. Als rein auditive Dauer-Fortsetzung des Knackgeräuschs geht das nicht.

Das hier betrachtete System ist in Wirklichkeit viel umfassender; es ist nicht nur mit Augenbewegungen befasst, sondern mit allen Situationen, bei denen der sensorische Apparat bewegt wird, und dadurch die hereinkommenden Signale verändert werden, obwohl das, was sie darstellen, "in Wirklichkeit" unverändert ist. Eigentlich ist dieses System entwicklungsgeschichtlich viel älter als das "Was"-System, und ursprünglich war es zuständig für viele motorische Prozeduren wie z.B. eine Mohrrübe zu ergreifen, und sei es mit dem Maul. Wenn man schon ein einigermaßen vernünftig arbeitendes Sehen hat, dann muss dabei aus Anblicken ermittelt werden, wie man den Kopf dreht, und wie weit man das Maul öffnen muss. So lange alles über das Maul läuft, gibt es nur wenige Amgaben zu ermitteln, aber sobald die Affen mit ihren Händen auftauchen, wird eine visuell gesteuerte Hantierung ziemlich kompliziert, und auch Blickrichtungen müssen mit gesteuert werden, sobald man im Auge eine Stelle schärfsten Sehens ("Fovea") hat. All diese für motorische Prozeduren benötigten Signale sind eng verknüpft mit denjenigen, die man für den Betrieb des Nichts-Systems braucht: Wenn ich visuell gesteuert eine Banane ergreife, dann sind die visuellen und taktilen Signale, die ich dabei erhalte, verwandt mit denjenigen, die ich brauche, um zu erkennen, wie die Banane "als solche" aussieht/sich anfühlt, wenn  meine Blick- und Tastbewegungen (vor allem deren Zeitverlauf) herausgerechnet werden.

Zu dieser Geschichte gehört auch das Orientierungsvermögen, das für motorische Prozeduren vom Typ "Fortbewegung" gilt, und das im Prinzip ohne Bewusstsein arbeitet, so, wie auch beim Pferd, das den Weg nach Hause auch dann findet, wenn der betrunkene Kutscher eingeschlafen ist.

Man darf nicht vergessen, dass strenggenommen das "Was"-System naturwissenschaftlich unverständlich ist, weil dabei (unausgesprochen) angenommen wird, dass ich erfahre, wie eine Banane aussieht. Es ist eine Art Versickerung des Anblicks irgendwie in meinem Inneren. Ein "Ich" gibt es jedoch nur auf dem phänomenalen Niveau des Bewusstseins. Dort ist es möglich, dass ich etwas wahrnehme, und Punkt. Nichts weiter, keine Folgen. Ganze Straßenzüge, Schaufenster mit Dutzenden ausgestellter Schuhe, vorbeifahrende Autos nehme ich wahr, ohne ersichtliche Folgen. Es macht nicht viel Sinn, um die Geschichte naturwissenschaftlich beschreibbar zu machen, das Ich durch "Gehirn" oder durch die ganze Person zu ersetzen. Naturwissenschaftlich gesehen gibt es nur Prozeduren, und diese können nicht systematisch folgenlos versickern. Der Sinn des Was-Systems ist vielmehr, unterbrochene Prozeduren fortzusetzen in den Fällen, bei denen die erforderlichen Daten nach der Unterbrechung nicht mehr zur Verfügung stehen (siehe Hirnbrief 2; 2015: "Unterbrechung 4").

Die Ergebnisse des Nichts-Systems gelangen nicht (oder nur indirekt) ins Bewusstsein. Sie dienen dazu, die Roh-Sinnessignale zu bereinigen. Nur diese bereinigten Signale können dann (müssen aber nicht) ins Bewusstsein gelangen, und erscheinen dort phänomenal als "die Welt", die als unabhängig von Vorgängen (vor allem Zeitverläufen) bei der Beobachtung dargestellt ist.

 

Nr  3 2017

 

Drei Arten des Sehens

Die erste Art des Sehens ist naturwissenschaftlich am leichtesten zu verstehen.

Damit ist einfach nur gemeint, dass das Sehen, mitsamt dem Gehirn, nach denselben allgemeinen (erlernten oder ererbten) Prinzipien funktioniert wie bei allen anderen Organen auch. Die Grundlage sind Prozeduren, die aus verknüpften Verbänden von Zellen bestehen. Eine solche Prozedur ist in den Verbindungsstrukturen und in den möglichen Leistungen der Einzelzellen gespeichert. Sobald eine bestimmte Struktur von Eingangssignalen auftaucht, beginnt die Prozedur physiologisch zu arbeiten. Sie erzeugt ein (vielleicht sehr komplexes) Ausgangssignal, das in die "Welt" außerhalb des Organs, oder in eine andere Prozedur desselben Organs, geschickt wird.

Für das Sehen bedeutet all dieses, in vereinfachter Form, dass bestimmte Lichtverteilungen auf die Netzhaut fallen, z.B. das Bild eines Apfels, woraufhin die Prozedur anspringt und eine Greifbewegung visuell gesteuert wird. "Bewusstsein" oder "Wahrnehmung" kommen dabei nicht vor; die Beschreibung wäre auch für die Niere von derselben Art, nur kommen die Eingangssignale nicht aus den Augen, und die Leistungen und Verknüpfungen der Zellen sind andere.

Ein Beispiel wäre, wenn man von der Fahrbahn auf den Fußweg geht, und dazu visuell gesteuert am Bordstein das Bein anhebt.

Unklarheit entsteht allerdings dadurch, dass ich dennoch den Bordstein wahrnehme, wobei "Wahrnehmung", die bei anderen Organen als dem Gehirn nicht auftritt, in der Naturwissenschaft nicht existiert. Vielmehr gehört die Wahrnehmung in den Bereich "Bewusstsein". Dass ich etwas wahrnehme, ist nicht beobachtbar. Nur mein Verhalten, oder im Prinzip auch meine Hirnprozesse, sind beobachtbar; daraus einen Schluss zu ziehen, dass ich etwas wahrnehme, ist im Rahmen der Naturwissenschaft nicht möglich, zumal (zumindest im Prinzip) die Naturwissenschaft den ganzen Vorgang des Apfelgreifens komplett erklären könnte, so dass man nichts vermisst. Auch bei der Niere würde man nichts vermissen, wenn es gelänge, eine Nierenprozedur wirklich komplett zu erfassen.

Ich kenne nur ein Beispiel, an dem man genügend deutlich erkennt, dass bei der ersten Art des Sehens die Wahrnehmung keine Rolle spielt: Ich putze die Zwischenräume zwischen meinen Zähnen mit drei verschiedenen Bürstchen, je nach Breite des Zwischenraums. Der gesamte Vorgang (eine einzige Prozedur) läuft weitgehend "automatisch" ab, weil ich ihn seit vielen Jahren unverändert abwickle. Ich setze immer die Bürsten in derselben Reihenfolge von dick nach dünn ein, und die Abfolge der geputzten Lücken beginnt immer mit jeweils derselben Start-Lücke. Ich muss nicht überlegen, in welche Lücke ich welche Bürste stecke; "Lückenzielfehler" kommen nicht vor. Im Dunkeln kann ich die Lücken nicht treffen, die visuelle Steuerung vor einem Spiegel spielt auf jeden Fall eine wichtige Rolle. Andererseits nehme ich, vor dem Spiegel stehend, die ganze Szenerie des Zähneputzens wahr; da ist keineswegs ein Loch in meinem Gesichtsfeld.

Das Besondere an dieser Prozedur ist, dass ich selber nicht sagen kann, in welche Lücke ich welche Bürste stecke, obwohl ich die ganze Zeit die ganze Abwicklung der Prozedur wahrnehme. Um eine solche Frage zu beantworten, muss ich die Prozedur (zumindest den Teil, der mit nur einer Bürste durchlaufen wird) tatsächlich durchführen, und sie dabei aufmerksam beobachten und ggf. bewusst stoppen, um zu sehen, in welcher Lücke die Bürste nun steckt.

An diesem Beispiel kann man erkennen, dass die visuelle Wahrnehmung für die Steuerung der visuellen Prozedur keine Rolle spielt. Vermutlich gilt das auch für das Fußheben am Bordstein und viele ähnliche Vorgänge, nur lässt sich bei ihnen nicht so ohne weiteres erkennen, dass die Wahrnehmung etwas anderes bietet als das, was für die Aufgabe gebraucht wird. Offenbar fehlen in der Wahrnehmung Angaben darüber, welche visuellen Details zu einer bestimmten Aufgabe gehören. Andererseits enthält eine Prozedur, "wie es weitergeht", während die Wahrnehmung nur Momentanzustände anzeigt, dann aber, so gut es geht, alles, was auf die Netzhaut fällt.

Wer nur diese erste Art des Sehens hat, kann all das sehen, wofür er eine Prozedur hat. Da kann es durchaus ganz einfache Warnprozeduren geben, aber es kann auch, wie beim Hören, Fälle geben, bei denen es nichts zu tun gibt, d.h. das Lebewesen sieht nichts, obwohl bildliche Strukturen auf die Netzhäute fallen. Dennoch kann so etwas ein sehr leistungsfähiges Sehen abgeben. Wie gesagt, kommt dabei keinerlei Wahrnehmung, und damit auch keinerlei Bewusstsein, vor. Auch kommt keine Aufmerksamkeit in Form einer Empfindung vor, wenn auch man vielleicht das Anspringen einer Prozedur ungefähr so auffassen könnte.

Die zweite Art des Sehens ist von der Art, wie sie vielleicht ein Laie beschreiben würde, der aber immerhin weiß, das das Gehirn eine Rolle spielt: In der Ferne sieht man einen Hasen und einen anschleichenden Fuchs; man versucht, mit voller Aufmerksamkeit die Szene ununterbrochen "im Auge zu behalten", und stellt sich auch vor, dass entsprechende Neurone im Kopf dafür arbeiten. Sogar, dass sie "mit Volllast" arbeiten, könnte man empfinden. Ähnliches würde man beim Fussballtorwart vermuten, wenn er einen gegnerischen Spieler mit dem Ball herannahen sieht. Weniger dramatische Fälle sind, dass ich ein bestimmtes Buch in meinem Bücherregal identifiziere und es dann herausnehme.

Im Gegensatz zur ersten Art scheint es hier auf den Wahrnehmungsinhalt und auf die Aufmerksamkeit anzukommen. Eine zugehörige anschließende Tätigkeit kommt hingegen nicht vor. Vielmehr muss man sich (ggf. sehr schnell) bewusst entscheiden, was man tun will.

Die dritte Art des Sehens ist dafür verantwortlich, dass man 16 Stunden täglich, wenn man nicht schläft, immer visuell etwas wahrnimmt. Niemals ist wegen Desinteresse oder aus Sparsamkeitsgründen ein Loch im Gesichtsfeld. Dabei ist den meisten Leuten gar nicht klar, dass sie zu allen Zeiten das allermeiste davon als identisch ("dasselbe") mit etwas zuvor Wahrgenommenen auffassen. Dazu gehört das Wohnungs- und Arbeitsplatzmobiliar, Gebäude am Wohnort und vieles andere mehr. Einem Ingenieur, der nichts mit Neurowissenschaften zu tun hat, würde es widersinnig erscheinen, wenn er den ganzen Tag an seinem Büro-Arbeitsplatz sitzt, dass das wochenlang unveränderte Mobiliar ihm gegenüber ununterbrochen, Millisekunde für Millisekunde, vom Gehirn "signalisiert"
werden sollte. Vielmehr würde er irgendeine sparsamere Kodierungsmethode vermuten. Wenn er ein bißchen schärfer überlegt, wird er vielleicht bemerken, dass er ein bestimmtes Buch aus dem Regal ihm gegenüber nicht auswählen kann, ohne dabei "Aufmerksamkeit" auf das Regal zu richten, obwohl das Regal, das er auch zuvor schon stundenlang wahrgenommen hat, dadurch überhaupt nicht anders aussieht. Es erschien den ganzen Tag über optisch scharf. Dennoch kann er ohne die Aufmerksamkeit das Buch nicht auswählen. Vielleicht wird er auch noch bemerken, dass die Wahrnehung der Szene vor ihm sich überhaupt nicht verändert, obwohl er ständig während der Arbeit die Blickrichtung ändert.

Wegen ihrer 16-Stunden-Präsenz überlagert sich die dritte Art zwangsläufig den anderen beiden. Für den Fußballtorwart, der per Zweiter Art einen Angriff beobachtet, verlöscht nicht die Wahrnehmung des ganzen Stadions. Die dritte ist diejenige Art, für die es am schwierigsten erscheint, etwas über die zugehörigen neuronalen Prozesse zu sagen.

Zur zweiten und dritten Art des Sehens steht schon einiges in den Hirnbriefen 11/12.2010: "Aspekte der Zeit 3: Sehen"; 2.2015: "Unterbrechung 4"; 2.2017: "Sehen und Unterbrechung". Dort habe ich schon dargelegt, dass ganz allgemein ein kurzzeitiger multineuronaler Erregungsvorgang (bestenfalls einige Hunderte von Millisekunden) auf dem phänomenalen Niveau des Bewusstseins einen lange Zeit gültigen konstanten Bewusstseinsinhalt bedeuten kann. Mit naturwissenschaftlichen Argumenten kann man so etwas nicht widerlegen, weil "A bedeutet B" generell keine naturwissenschaftliche Beziehung ist. Im visuellen System ist ein räumliches Analogon recht gut untersucht. Darüber regt sich kein Wissenschaftler auf, hingegen sehr wohl, wenn dasselbe auf der Zeitachse passiert ("Wie soll denn das gehen?"). Das Kernelement der Aussage ist, dass nach Verlöschen der kurzzeitigen Erregung der Bewusstseinsinhalt, und vor allem ein Wahrnehmungsinhalt, weiterhin sozusagen freischwebend erhalten bleibt. Da ist es nicht verwunderlich, dass man damit kein Buch im Bücherregal identifizieren, und dann den Arm zum Herausnehmen ansteuern kann. Um das zu leisten, muss man, wie gesagt, die Aufmerksamkeit bemühen, was nichts anderes ist, als dass man die neuronale Aktivität erneut starten muss. Man kann die dritte Art als die neuronal unbegleitete Fortsetzung von Sehprozessen, die mit der zweiten Art, d.h. mit einer neuronalen Erregung begonnen haben, auffassen.

Die Sache hat zum Teil eine entfernte Ähnlichkeit mit der Datenkompression eines kontinuierlich einlaufenden Textes, indem man ein Wörterbuch anlegt, in dem jedes Wort nur einmal aufgeführt ist, und dazu eine Liste zu jedem Wort, aus der hervorgeht, wie es an den verschiedenen Stellen des Textes zwischen die anderen Wörter eingeordnet werden muss. Jedes Wort ist, wenn es mehrfach auftritt, dadurch trivialerweise dasselbe. Letztlich verschiebt sich das Problem auf "die Zeit", welche ja auch ein phänomenaler Gehalt ist, denn wenn nicht zur Verfügung steht, dass ein gegenwärtiger neuronaler Vorgang (nämlich das Auslesen eines Inhalts eines episodischen Gedächtnisses) einen vergangenen neuronalen Vorgang bedeuten kann, dann kann man nicht verstehen, was mit "Zeit" gemeint ist. Neuronale Vorgänge jeder Art sind, rein naturwissenschaftlich gesehen, immer nur gegenwärtige bedeutungslose Vorgänge. Die genannte Bedeutungszuweisung, die im Bewusstsein passiert, ist für den Zeitbegriff erforderlich. Schließlich ist die gesamte Naturwissenschaft eine komplexe Ansammlung phänomenaler Gehalte des Bewusstseins, und die Zeit ist darin enthalten. Hier wird erneut die Rückbezüglichkeit der ganzen Bewusstseins-Argumentation deutlich, denn die (phänomenale) Naturwissenschaft, die irgendwie auf neuronalen Prozessen ruht, soll herangezogen werden, um all die genannten Zusammenhänge zu erklären.

Eine Warnung möchte ich aussprechen vor der unbedachten Verwendung des Begriffs "Wahrnehmung". Die Unbedachtheit rührt vor allem daher, dass wissenschaftliche Untersuchungen über das Sehen weitestgehend im zeitlichen Bereich des Beginns, oder der Veränderung visueller Reize stattfinden. Zu diesen Zeiten sind die visuellen Neurone noch tätig. Was nach einer Stunde nach Einschalt
en eines konstanten Reizes passiert, ist naturwissenschaftlich nicht leicht zu untersuchen, aber man stellt eine völlig unveränderte Wahrnehmung fest. Man muss sich gut überlegen, wie es unter diesen Umständen zu sprachlichen Aussagen kommen kann ("ich nehme den Reiz weiterhin unverändert wahr"). Vor allem wird irgendein Neustart neuronaler Prozesse erforderlich sein, sonst ließe sich ja kein Sprachsignal erzeugen. Jedenfalls sollte man vermeiden, von dem sprachlich berichteten Zeitverlauf einer Wahrnehmung auf den Zeitverlauf des zugehörigen neuronalen Prozesses zu schließen.

Es wäre auch schon hilfreich, wenn mal jemand die dauerhaft (durchaus als hoch) wahrnommenen Bildschärfe abschätzen könnte, und eine Überlegung anschließen könnte, was die Neurone leisten müssten, wenn sie, wie "klassisch" angenommen, ständig Millisekunde für Millisekunde, eine als konstant wahrgenommene Szene signalisieren müssten. Ich vermute, dass das neuronale visuelle System damit völlig überlastet wäre. Hinzu käme, dass dann Rauschen wahrzunehmen sein müsste, was der wahrgenommenen Identität widerspräche.

In den obengenannten Hirnbriefen ist der Haupt-Unterschied zwischen den Arten des Sehens schon diskutiert worden: Während man die erste Art im Prinzip (wenn wohl auch nicht so ohne weiteres in der Praxis) vollständig verstehen kann, dabei aber kein Bewusstsein (und damit keine Wahrnehmung) vorkommt, glaube ich, dass die anderen beiden Arten zusammenhängen mit der Organisation von Unterbrechungen des (rein prozeduralen) Sehens erster Art, wobei diese Unterbrechungsorganisation auch für andere als visuelle Prozesse gilt. Sie beschert dem Menschen die Möglichkeit, Prozeduren von quasi unendlicher Dauer stückweise zu betreiben, muss dazu aber jeweils die für eine Fortsetzung erforderlichen Startdaten bereithalten. Die Idee ist, dass diese Daten eine nahe Verwandtschaft mit dem Bewusstsein haben, wenn auch letzteres damit nicht in einem naturwissenschaftlichen Sinne erklärt wird.

Vielleicht muss man letztlich alle Prozeduren als Fortsetzungen schon früher begonnener Prozeduren auffassen, was vielleicht einen Ansatzpunkt gäbe für die in jedem Individuum möglicherweise unterschiedliche neuronale Ausgestaltung von Wahrnehmungsinhalten ("Qualia"), indem diese Unterschiede von Start-Unterschieden zu Urzeiten ("Anfangsbedingungen") herrührten. Damit würde die prinzipielle naturwissenschaftliche Unzugänglichkeit von Bewusstseinsinhalten vielleicht verständlich. Es wäre denkbar, dass auch bei rein naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise hier ein Element hereinkäme, nämlich eine Anfangsbedingung, die nicht erklärt werden könnte.

Auch in der Physik braucht man ja die Anfangsbedingungen für Unterbrechungs-Fortsetzungen: Die Fallbewegung eines Apfels "beginnt" mit dem Loslösen des Stiels vom Baum. Hingegen wenn man das ganze Weltall betrachtet, geht diesem "Beginn" die allmähliche Austrocknung des Stiel-Ansatzes voraus, und diesem Vorgang wiederum eine bis in die unendliche Vergangenheit zurückreichende Kette weiterer Vorgänge, die sich naturwissenschaftlich prinzipiell nicht mehr beobachten lassen.

Schließlich muss man sich mit dem Zeitbegriff befassen. Die Idee ist, dass das richtige Ineinanderschachteln von Teilstücken verschiedener Prozeduren diesen Begriff erfordert. Hingegen kommt das Sehen der ersten Art ohne diesen aus, weil es bei rein prozeduraler Verarbeitung immer nur darauf ankommt, was in der Gegenwart passiert. Diese Gegenwart wird zwar von vergangenen Vorgängen beeinflusst, aber nachdem diese "abgeladen", und über das zuvor Abgeladene darübergeschüttet worden sind, sind sie als einzelne vergangene Vorgänge nicht mehr zugänglich.

Auch die Physik hat etwas zum Zeitbegriff zu sagen (siehe Hirnbrief 1, 2016: "Zeit und Physik"). Es erweist sich jedoch als nahezu unmöglich, mit Physikern darüber zu sprechen. Sobald sie auch nur von ferne ahnen, dass da auch die Rede vom Gehirn sein soll, nehmen sie Reißaus. Es wäre erfreulich, wenn sich diese Situation mal ändern würde.

 

Nr  1 2018

 Zeit und Identität.

Nicht nur die Gelehrten kennen Platons Höhlengleichnis, mit dem zum Ausdruck gebracht wird, dass man grundsätzlich nicht die objektiv wahre Welt kennen könne, sondern nur Schatten von ihr, die auf die Wand einer gedachten Höhle fallen. Dabei ist gemeint, dass der Zusammenhang zwischen den Schatten und der wirklichen Welt nicht erkannt werden kann. Man soll also nicht an den Schattenwurf im direkten Sonnenlicht denken, der ja durchaus Rückschlüsse auf die Form der schattenwerfenden Gegenstände erlaubt. So weit, so gut. Das gewählte Bild des Schattenwurfs legt jedoch die Idee nahe, dass Änderungen in der wahren Welt im selben Moment zu Änderungen in den Schatten führen, wenn auch darüberhinaus die Natur dessen, was sich da ändert, unerkannt bleibt. Aber immerhin: selbst an räumlich völlig nebulösen, aber zeitlich hochstrukturierten Schwankungen eines Schattens könnte ich  erkennen, in welchem "wahren" Moment jemand eine Tür geöffnet hat, oder gar, mit etwas Übung, dass sich da jemand einen Mantel anzieht. Von einer Tür, einem Mantel und einer Person weiß ich natürlich nichts, aber es gäbe eine wiedererkennbare zeitliche Ordnung, die eng zusammenhängt mit einer ebensolchen Ordnung in der unbekannten Welt. All dieses hat Platon sicherlich nicht gemeint; meist denkt man auch heute nicht daran, dass eine reine Zeitstruktur auch schon ein Teil einer erkennbaren Welt sein kann.

Meine Hirnbriefe sind nicht direkt mit der Unerschließbarkeit einer wahren Welt aus meinen Wahrnehmungen befasst. Vielmehr geht es um den Zusammenhang zwischen neuronalen Prozessen, die naturwissenschaftlich erkundet werden können, und Bewusstseinsinhalten ("phänomenalen Gehalten"), die nur mir aus einer Art Innensicht bekannt sind. So ungeklärt wie dieser Zusammenhang ist, wird er doch im zeitlichen Bereich von den meisten Gelehrten so gesehen wie Platons Schatten, nämlich dass ein bestimmter Bewusstseinsinhalt auf jeden Fall zur gleichen Zeit eine neuronale Entsprechung haben müsse (der Bewusstseinsinhalt müsse "signalisiert" werden). All die großen Fragen über die Natur des Bewusstseins lägen anderswo. Mein allererster Hirnbrief 3;2009 hat diesen Punkt zum Inhalt. Er ist gut geeignet als wissenschaftlicher Party-Gag, wenn Biologen oder Neurowissenschaftler anwesend sind.

Hier geht es um den Fall, dass Bewusstseinsinhalte in bestimmten Momenten aufscheinen, die zugehörigen neuronalen Prozesse aber zu anderen Momenten stattfinden. Kann man diesen Gedanken stützen, dann könnte sogar sein, dass dieser Sachverhalt einen Großteil des Problems "Gehirn/Bewusstsein" ausmacht. Allerdings soll man nicht an beliebig auseinanderklaffende Zeiten von phänomenalen Gehalten und zugehörigen neuronalen Prozessen denken. Vielmehr steht ein spezieller Fall im Vordergrund: Zu kurzzeitigen neuronalen Prozessen können langanhaltende (konstante) Bewusstseinsinhalte gehören. Der "verwunderliche" Fall tritt ein, sobald diese kurzzeitigen Prozesse völlig abgeklungen sind, zugehörige phänomenale Gehalte aber weiterhin unverändert im Bewusstsein aufscheinen.

Diese Geschichte ist in den Hirnbriefen Nr. 45/46 bis 51/52(2010) dargelegt worden. Ein neuronales "Nichts"-System spielt dabei eine Rolle. Statt (räumlich oder zeitlich) gleichbleibende Situationen immer wieder mit gleichem Ergebnis zu signalisieren, dient dieses System dazu, "keine Veränderung" zu signalisieren, so dass eine einmal neuronal signalisierte Szene weiterhin gültig bleibt. Der letzte Satz klingt fast wie eine rein naturwissenschaftliche Aussage, wenn nicht das Wort "gültig" darin vorkäme.

Ich wiederhole, was in den genannten Hirnbriefen gesagt wurde: Am besten erkennt man die Sachlage an einem Fall, bei dem das Entscheidende im räumlichen statt im zeitlichen Bereich passiert: Bekanntlich wird eine Grenze zwischen zwei unterschiedlich beleuchteten Flächen auf der Augennetzhaut neuronal ignoriert, wenn diese Grenze absolut unbeweglich auf der Netzhaut ist. Sorgfältige Fixation eines entsprechenden Bildes reicht dafür nicht aus; man muss technische Kunstgriffe anwenden, um diese Situation zu erzwingen. Angenommen, man schaut unter sorgfältiger Fixaton einen großen gelben Fleck auf dunklem Grund an. Man nimmt also in gewohnter Weise diesen Fleck wahr. Zeigt man nun innerhalb dieses gelben Flecks einen kleineren grünen, dessen Ränder jedoch per Kunstgriff absolut festsitzen auf der Netzhaut, dann verschwindet dessen Wahrnehmung sehr schnell, und man nimmt einen durchgehend gelben Fleck wahr wie zuvor. Dennoch kann man zeigen, dass die visuellen Neurone in dem grünen Gebiet deutlich selektiv auf "grün" reagieren.

Daraus schließt man, dass die Wahrnehmung der Szene nur durch die Verhältnisse an den Grenzen bestimmt wird: am linken Rand des gelben Flecks gilt "links dunkel/rechts gelb". Das Besondere ist nun, dass dieses "../rechts gelb" nach rechts weiter gilt, so lange dort keine andere Grenze erscheint. Erst wenn weiter rechts die Grenze "links gelb/rechts dunkel" angetroffen wird, ist die gesamte gelbe Fläche durchgehend als gelb wahrnehmbar. Die Farbmeldung aus dem Inneren der Fläche wird dazu nicht herangezogen. Wenn sich nun eine netzhautstabilisierte grüne Fläche im Inneren der gelben Fläche befindet, dann werden ihre Grenzen nicht erkannt, so dass weiterhin "gelb" quer durch das grüne Gebiet gilt.

Das Verfahren ist sparsamer als wenn der gesamte konstante Inhalt der gelben Fläche von allen dorthin "schauenden" Neuronen signalisiert würde. Stattdessen wird für die Beurteilung des Inneren der Fläche nur ein pauschal arbeitender Grenz-Abwesenheits-("Nichts"-)Detektor gebraucht, der auf Grenzen jeglicher Art anspricht. Wenn er nicht anspricht, gilt weiter, was die weiter entfernt liegenden Grenzen an ihren Innenseiten signalisiert haben. Das Auftreten des Wortes "gilt" zeigt, dass es sich zwischen neuronalem Geschehen und phänomenalen Gehalten ("Wahrnehmungen") nicht um eine naturwissenschaftliche Beziehung handeln kann.

Zu beachten ist, dass das normale (prozedurale) Sehen, (die "erste" Art, bei der keine Wahrnehmung v
orkommt; siehe Hirnbrief 3, 2017) auf diesen Mechanismus nicht angewiesen ist, denn dessen Aufgabe ist ja nicht, ein Bild der Außenwelt zu erzeugen, sondern das Netzhautbild zu zerlegen und umzurechnen in beispielsweise eine visuell gesteuerte Greifbewegung. Dazu können durchaus auch die neuronalen Erregungen aus dem Inneren einer homogenen Fläche herangezogen werden, obwohl diese normalerweise kleiner sind als die Erregungen nahe am Rand einer solchen Fläche.

Es ist wohl nicht allzu weit hergesucht, wenn man annimmt, dass derselbe Mechanismus, mit einem Nichts-System, auch im zeitlichen Bereich gilt. Wenn also neuronal "vorher dunkel/nachher gelb" signalisiert wird, dann gilt "../nachher gelb" so lange, bis eine andere Änderung, z.B. "vorher gelb/nachher dunkel" neuronal signalisiert wird. Dann nimmt man einen konstanten gelben Reiz bis zum Moment des Ausschaltens dauerhaft wahr. Neuronale Erregungen spielen nur kurz nach dem Ein- und Ausschalten eine Rolle. Eventuell laufende Erregungen in der (längeren) Zwischenzeit tragen nichts bei, sofern das Nichts-System still bleibt. Diese Zwischenzeit ist es, in der ein Bewusstseinsinhalt in Form einer Wahrnehm
ung existiert, ohne dass im selben Moment der Inhalt dieser Wahrnehmung (nämlich die gelbe Farbe) neuronal signalisiert wird. Nur das Nichts-System muss ständig laufen, aber es muss nur eine unspezifische ja/nein-Meldung liefern.

Ich gehe davon aus, dass ein derartiger Mechanismus in vielen komplexeren Fällen, und auch in weiteren Bereichen des Bewusstseins eine Rolle spielt. Allerdings muss das Nichts-System dafür zusätzliche Leistungen erbringen. Vor allem muss es erkennen, dass sich in einer visuellen Szene nichts geändert hat, obwohl Augenbewegungen erhebliche neuronale Erregungen produziert haben. Die typischen großflächigen Bildverschiebungen, ihr Zeitverlauf und vielleicht auch ein augenmotorisches Signal müssen dafür herhalten: Während ich mit geöffneten Augen eine Radiosendung höre, wobei ich eigentlich mein visuelles System nicht benötige, aber ständig die Blickrichtung um große Drehwinkel ändere, nehme ich das Mobiliar des Zimmers als stundenlang unverändert wahr.

Ein direkter Hinweis auf den zugrundeliegenden Mechanismus ist die "Änderungsblindheit": Wenn eine echte Szenenänderung genau während einer sakkadischen Blickwendung passiert, dann bemerkt man diese nicht, auch wenn sie unter anderen Umständen durchaus deutlich wäre. Die Änderung darf dabei zeitlich nicht über Anfang und Ende der nur ca. 60 Millisekunden dauernden Augenbewegung hinausragen. Nur so wird sie eingestuft als "es hat keine Änderung stattgefunden". Die Sache kann allerdings nur für Szenenteile funktionieren, bei denen die kurze neuronale Erregungsphase wirklich vorbei ist. Ist hingegen die anfängliche Erregung noch nicht abgeklungen (das ist ein Teil dessen, was man "die Aufmerksamkeit auf eine Szene richten" nennt,) dann nehme ich die Änderung wahr.

Für den Tastsinn sind die Anforderungen an ein solches System sehr viel höher. Wenn ich unter dem Tisch eine unsichtbare Holzleiste abtaste, und dabei mehrfach mit den Fingern dieselben Teile der Leiste berühre, dann soll dabei der phänomenale Eindruck entstehen, dass sich diese Teile während des Tastens nicht verändern. Hohe Anforderungen entstehen auch beim Sehen, wenn nicht nur Blickwendungen starke neuronale Erregungen verursachen, sondern auch, wenn ich ein Zimmer verlasse, und ich sein Mobiliar als unverändert wahrnehme, wenn ich zurückkehre.

Das System scheint folgender Regel zu gehorchen: Wenn die neuronalen Daten für das Nichts-System dauerhaft zur Verfügung stehen, wie es für das Sehen aufgrund der dauerhaft beleuchteten Welt der Fall ist, dann entsteht ein dauerhafter phänomenaler Eindruck, obwohl diese Daten nicht kontinuierlich zum Zweck einer inhaltlichen Analyse hereingeholt werden. Für das Hören trifft das nicht zu.

Die Geschichte der neuronal "ungestützten" phänomenalen Gehalte, und des Nichts-Systems, hängt umittelbar zusammen mit dem Konzept der Identität. Dieses bedeutet, dass mehrfach auftretende Situationen oder Gegenstände als "dieselben" gelten im Fall von Wiederholungen. Hier sollen nur zeitliche Wiederholungen betrachtet werden; andere Fälle wie "wir waren beide im selben Konzert" werden vorerst nicht betrachtet. Den zuvor betrachtete Fall der Wahrnehmung eines langanhaltenden Reizes kann man auffassen als eine kontinuierliche Abfolge von punktuellen, direkt aufeinanderfolgenden Wiederholungen. Es kann auch identische Wiederholungen geben, die durch Pausen getrennt sind. Von diesen ist vor allem auch im Hirnbrief 2;2015 die Rede.

Es ist vielen Leuten nicht klar, wie häufig im Alltag allerlei Gegenstände als dieselben wie schon einige Male zuvor eingestuft werden. Dazu gehört beispielsweise das ganze Wohnungsmobiliar. Der Sachverhalt verdient insofern besondere Beachtung, als die Neurone des Gehirns auf gar keinen Fall einen wiederholt sensorisch dargebotenen Gegenstand durch exakt dieselbe Erregungsverteilung signalisieren können. Bestenfalls kommen ähnliche Erregungsverteilungen vor; dabei ist die Ähnlichkeit oftmals erstaunlich gering. Man sieht, wie es im Gehirn zugeht, an Beispielen wie "Suppe mit dem Löffel essen", wobei die einzelnen Bewegungen des vollen Löffels zum Mund niemals identisch sind, sondern immer nur gerade so ähnlich, dass die verlangte Leistung zustandekommt. Ein Bemühen um eine noch höhere Ähnlichkeit würde keine Verbesserung bringen. Alles im Gehirn, auch die Darstellung eines Gegenstandes durch Neurone, ist von dieser Art.

Wohlgemerkt ist hier mit "Darstellung" nicht ein "Bild" gemeint, sondern eine zweckorientierte Zerlegung zB. für eine visuell gesteuerte Greifbewegung. Nur eine an einem Zweck ausgerichtete Zerlegung der neuronalen Daten kann man verstehen; die Erstellung eines zweckfreien Bildes jedoch nicht, zumal dieses ohnehin nur auf dem phänomenalen Niveau erscheint. Für zweckorientierte Aufgaben ist in keiner Verarbeitungsstufe "Identität" erforderlich, wie es gerade für das Suppe-Löffeln dargelegt wurde, und wie es auch ganz allgemein für alle physiologischen Aktivitäten und sogar für alle Organe gilt.

Auf dem neuronalen Niveau gibt es eigentlich kein Konzept des Gegenstandes. Vielmehr ist dieses ein Konzept auf dem phänomenalen Niveau des Bewusstseins, das in den Bereich der Wahrnehmun
g gehört. Eine simple Beschreibung ist: der Gegenstand wird einer sensorischen Eingangs-Schnittstelle dargeboten, und daraufhin erscheint er in der Wahrnehmung. Die phänomenale Entität "Ich" nimmt ihn wahr. Und Punkt. Nichts weiter. Die Wahrnehmung versickert sozusagen im Ich, hat aber keine Folgen. Mit einer Wahrnehmung ist nicht verknüpft, was mit dem wahrgenommenen Gegenstand weiter geschieht. Vielmehr ist es eine Aussage von der Art "so ist es". Hingegen für das neuronale Niveau erscheint ein Konzept eines systematischen ständigen folgenlosen Versickerns von Erregungsabläufen nicht sehr tragfähig.

Wiederholte neuronale Erregungen kommen also als Grundlage für wiederholte identische Ergebnisse nicht in Frage. Vielmehr ist dafür die einzige Möglichkeit, dass man es überhaupt nur mit einem einzigen neuronalen Erregungs-Exemplar zu tun hat, auf das man sich mehrfach bezieht. Genau das passiert in dem oben geschilderten Fall der Wahrnehmung eines länger sichtbaren konstanten Lichtreizes: Die gesamte länger dauernde Wahrnehmung bezieht sich auf einen einzigen kurzen neuronalen Erregungsvorgang.

Dieses Verfahren ähnelt einer Datenkompressionsmethode für kontinuierlich einlaufenden Text (siehe Hirnbrief 52, 2009): Jedes neue Wort wird in ein Wörterbuch eingetragen, und zu jedem Eintrag gehört eine Liste, die nur angibt, an welche Stellen im Text dieses Wort gehört. Der ganze Text kann in dieser Weise umkodiert werden. Dabei existiert jedes Wort in dieser Darstellung nur ein einziges Mal, und ist somit trivialerweise identisch, während die meisten Wörter in der Originaldarstellung wiederholt auftreten. Allerdings hat der umkodierte Text keine einfache zeitliche Reihenfolge, in der seine Einträge gelesen werden können, wohingegen in der Originaldarstellung ein Wort einfach auf das nächste folgt. Vielmehr muss man irgendeine Maßnahme treffen, die die ursprüngliche zeitliche Reihenfolge bedeutet. Das könnten im einfachsten Fall Listeneinträge in Form von Numerierungen sein.

Eigentlich wollte ich mich nicht befassen mit der Frage, was "Realität" sei, Hier hat man es jedoch mit der "Zeit" zu tun. Wie ich eingangs angemerkt habe, wird die Zeit ja nach alter Tradition viel stärker mit der echten Wirklichkeit verknüpft als etwa die Wahrnehmung eines Gegenstandes. Das liegt wohl daran, dass man sich schlicht nichts anderes vorstellen kann, als dass "die Zeit" in der Welt vorangeht. Nun taucht in den vorliegenden Darlegungen die Möglichkeit auf, dass eine Situation, oder ein Gegenstand irgendwie nur ein einziges Mal existiert, es aber an mir, dem Beobachter, liegt, dass ich ihn (wohlgemerkt nur phänomenal, also subjektiv und nur von mir erkennbar) wiederholt wahrnehme. Was da "ein einziges Mal" wirklich bedeutet, ist allerdings unklar. Wenn ich nämlich ein Gehirn studiere, auf welches ein Reiz wiederholt einwirkt, dann sehe ich ja dessen wiederholte physiologische Auswirkungen. Allerdings erscheinen diese Beobachtungsergebnisse auch nur auf dem phänomenalen Niveau meines Bewusstseins, wo eben genau diese undurchsichtigen Umstände herrschen. Etwas anderes, vor allem was meine Neurone tun, "weiß" ich nicht, denn jede naturwissenschaftliche Überlegung und Erkenntnis ist phänomenal. Hier befindet man sich mitten in der argumentativen Rückbezüglichkeit, denn gerade meine Neurone, während sie Naturwissenschaft betreiben, arbeiten so, wie ich es vielleicht nicht richtig verstehe.

Die bisher vorgetragenen Überlegungen, auch die über die Fortsetzung unterbrochener Prozeduren (Hirnbrief 2;2015) betreffen allesamt kurzzeitige physiologische Ereignisse, die in irgendeiner Weise eine dauerhafte Bedeutung haben, und sei es nur, dass beispielsweise dieses Bleirohr ziemlich schwer ist, und zwar auch in Momenten, in denen ich sein Gewicht nicht prüfe. Mein Wissen stammt jedoch nur von einigen kurzzeitigen Tests.

Nicht nur im zeitlichen, sondern auch im räumlichen Bereich verfahren die Physiker in dieser Weise, beispielsweise bei der Frage, ob es ein Gravitationsfeld wirklich gibt, oder ob dieses Konzept nur eine gedankliche Hilfe ist, um zu verstehen, dass zwischen zwei massiven Körpern eine Anziehungskraft wirkt. Diese könnte man ja auch als direkte Fernwirkung, ganz ohne zwischengeschaltetes Gravitationsfeld, auffassen. Ohnehin kann man ja dieses Feld immer nur erkennen an der Kraft, die auf Probekörper ausgeübt wird. Man kann nicht beweisen, dass das Feld auch dort existiert, wo kein Probekörper ist. Im selben Sinne könnte das Bewusstsein eine ähnliche (aber zeitliche) Rolle spielen wie das (räumliche) Gravitationsfeld. Das soll heißen, dass ich der Ansicht bin, dass es dauerhaft da sei, aber seine Auslöser oder Auswirkungen kann ich immer nur feststellen in den Momenten, in denen geeignete neuronale Prozesse laufen. Im Unterschied zum Gravitationsfeld ist die Besonderheit, dass, wenn überhaupt, das Bewusstsein ein Feld ist, das sich auf der Zeitachse erstreckt, wobei dieses "Erstrecken" im Fall einer Unterbrechungs-Fortsetzung durch das Auseinanderziehen eines einzigen momentanen Sachverhalts entsteht. Hinzu kommt, dass ein Gravitationsfeld von derselben grundsätzlichen Natur ist wie ein (ausgedehnter) Gegenstand, hingegen das Bewusstsein, oder auch ein phänomenaler Gehalt, von einer Natur ist, die keiner sonstigen Entität ähnelt.

Wohlgemerkt möchte ich hier keineswegs den Satz progagieren "Das Bewusstsein ist ein zeitliches Feld". Auch will ich mit dieser Vorstellung nichts "erklären". Bestenfalls wäre zu erhoffen, wie es auf den Fall physikalischer Felder zutrifft, dass diese Idee zu gedanklichen Vereinfachungen führt; man kann eventuell unterschiedliche Sachverhalte damit "unter einen Hut bringen".

Immerhin scheint ja auch in der Physik "die Zeit" nicht durchweg den naiven Alltags-Vorstellungen zu entsprechen. Wie schon gesagt, enthält diese Vorstellung ein knochenhartes Parallellaufen der Zeitwahrnehmung und der "in echt" verfließenden Zeit. Ich meine hier nicht kleinere Empfindungs-Ungenauigkeiten z.B. über Intervalle, innerhalb derer etwas als "gleichzeitig" gilt. Und auch die im Rahmen der Relativitätstheorie auftretenden Abweichungen sind wohl einigermaßen bekannt. Weniger geläufig sind Überlegungen, die ich im Hirnbrief 1;2016 angesprochen habe: In absolut abgeschlossenen (und somit unbeobachtbaren) Systemen kann man gedanklich, unter Zuhilfenahme der unveränderlichen Gesamtenergie, eine infinitesimale zeitliche Änderung im System ersetzen durch eine infinitesimale Änderung der räumlichen Konfiguration (die sich wiederum auf die Verteilung der potentiellen Energie auswirkt). In anderen Worten: aus dem Aufbau zweier infinitesimal benachbarter Systemzustände kann man erschließen, welche Zeit vom einen zum anderen Zustand verflossen ist. Manche Gelehrte machen daraus, dass das Konzept "Zeit" überflüssig sei. Auch wird daraus geschlossen, dass man dann durch eine Integration auch einen längeren Zeitverlauf aus rein räumlich/energetischen Umständen ermitteln könne. Einen solchen Mechanismus, in allgemeiner Form, gibt es jedoch nicht in der Natur. Freilich würde man gern behaupten, dass das natürliche Verfließen der Zeit eben gerade dieser Mechanismus sei, aber wenn "die Zeit" überflüssig ist, dann müsste ein räumlich/energetischer Integrationsprozess dahinterstecken. Dieser bleibt jedoch unklar.

Eine andere Überlegung, an der sich schon E. Schrödinger (einer der Väter der Quantenmechanik) versucht hatte, war, ausgehend von einer zeitunabhängigen Beschreibung irgendwie zu einer Zeitabhängigkeit zu gelangen. Normalerweise denkt man ja umgekehrt: man hat eine zeitabhängige Beschreibung, und wenn sich nichts ändert, dann ist die Zeitabhängigkeit eben Null, und damit ist die Zeitunabhängigkeit einfach ein Sonderfall einer allgemeinen Zeitabhängigkeit. Den ungewöhnlichen Weg hat auch J. Briggs näher untersucht. Er kam zu dem Schluss, dass ein abgeschlossenes System (für deren Beschreibung per Konstanz der Gesamtenergie keine Zeit benötigt wird) eine Zeitabhängigkeit erhält durch einen Kontakt mit der Umgebung, also durch einen Verlust der Abgeschlossenheit.

Es sieht ein wenig danach aus, als ob "die Zeit" es gedanklich ermöglicht, einen physikalischen Vorgang lokal zu erfassen, wie zB., dass die kinetische Energie eines frei fliegenden Gegenstandes zum Quadrat seiner Geschwindigkeit proportional ist, und die Geschwindigkeit wiederum eine Ortsveränderung pro Zeiteinheit ist. Mit derlei rein auf einen Gegenstand bezogenen Beziehungen kann man durchaus strenge Physik betreiben, und muss dazu nicht das Geschehen im ganzen Weltall in Betracht ziehen. Das hat sozusagen "die Zeit" für den Wissenschaftler erledigt. In gewisser eingeschränkter Weise ist also "die Zeit" ein Repräsentant der Vorgänge im ganzen Weltall.

Es sieht ja nicht gerade danach aus, als ob es einfache Parallelen zwischen der Neuro/Phäno-Geschichte und der der Physik gäbe. Aber beide enthalten Unklarheiten, und es wäre merkwürdig, wenn diese überhaupt nichts miteinander zu tun hätten. Vielleicht muss man weniger nach Parallelen schauen, als danach, dass die eine Geschichte eine Voraussetzung für die andere ist.

Immerhin benutzt die Physik ja mit Selbstverständlichkeit die Idee, dass man ein Gedächtnis habe, obwohl die Physik im engeren Sinne kein solches annimmt, oder bestenfalls eines, das nur infinitesimal weit zurückreicht: Ein in einem Potentialgebirge herumfliegender Körper "entnimmt" die Fortsetzung seiner Flugbahn nur seinem gegenwärtigen Zustand, plus derjenigen in einer infinitesimal früheren Vergangenheit, nicht aber noch weiter zurückliegenden Zuständen, wie beispielsweise, dass er vor fünf Minuten mit einem anderen Körper zusammengestoßen war, wodurch sich seine Flugbahn geändert hatte. Freilich kann ein Wissenschaftler die gesamte Szene genau beobachten und nur aus den gegenwärtigen Details, plus Kenntnis von Naturgesetzen, die Flugbahnen im Prinzip zurückrechnen und den Zusammenstoß rekonstruieren. Wohlgemerkt muss man dazu das gesamte System im Blick haben, und dieses muss abgeschlossen sein. "Die Natur" ist jedoch zu diesem Zurückrechnen nicht imstande, und man wüßte auch nicht, wozu eine solche Fähigkeit gut sein sollte, denn von diesen Ergebnissen würde ja das weitere Naturgeschehen nicht abhängen.

In der Natur gibt es also immer nur einen gegenwärtigen Zustand, der "ist" (wie Augustinus sagt), der aber auch enthält, was als Nächstes sein wird (was aber noch nicht "ist"). Das gilt natürlich auch für das Gehirn eines Beobachters: Auch dort gibt es nur einen gegenwärtigen Zustand, plus die benachbarte, noch nicht realisierte Zukunft. Dieser gegenwärtige Zustand ist natürlich durch Lernvorgänge beeinflusst, aber Beeinflussungen durch vergangene Zustände finden ja für die belebte und unbelebte Natur ohnehin immer statt, denn jeder gegenwärtige Zustand ist die kumulierte Summe aller vergangenen Einflüsse. Die Natur einzelner Beiträge vergangener Zustände ist jedoch für immer verloren. Da hilft weder ein neuronales episodisches Gedächtnis, noch eine Fotografie, denn diese sind auch nur gegenwärtige Vorgänge jeweils im Moment der Aufnahme, oder dann auch im Moment des Abrufs, und (wie immer) bedeuten sie nichts. Es gibt keine naturwissenschaftlich fassbare Instanz, die einem bestimmten gegenwärtigen Zustand (insbesondere einem Gedächtnisabruf) die Bedeutung "vergangener Zustand" (oder überhaupt irgendeine Bedeutung) zuweist.

"Es gibt" also immer nur einen Zustand der Welt, mitsamt Gehirnen. Aus nichts geht hervor, dass dieser nur eine kurze Zeit anhält. Die Idee, dass ein Zustand eine Dauer habe, existiert nicht. Dass eine Änderung erfolgt, ist da sehr wohl angelegt, aber da diese noch nicht passiert ist, ist es fraglich, was diese Anlage in einem jeden Zustand eigentlich bedeutet, wenn es denn keine Zeit gibt. Ich glaube, dass sie einfach eine Eigenschaft eines jeden Zustandes ist.

Wenn man die Geschichte so betrachtet wie hier geschehen, dann entfällt eine Frage, die mich geplagt hatte. Wenn man nämlich alle Zustände, die ein abgeschlossenes System einnehmen kann, durch Punkte in einem hochdimensionalen Konfigurationsraum darstellt, dann ist das Integral über die Wirkung (diese Variable kann man zeitfrei angeben) zwischen zwei solchen Punkten, den das System tatsächlich durchläuft, das kleinste von allen möglichen. Diese Aussage ist vor allem dazu gedacht, zu erkennen, dass das Konzept "Zeit" überflüssig ist für die Beschreibung eines abgeschlossenen Systems. Mich hatte geplagt, wie man denn einen solchen Punkt definiert, ohne dabei zu wissen, dass man all die Einzelbeiträge (Messwerte), die einen Zustand ausmachen, zur gleichen Zeit nehmen muss (wozu ja schon ein Zeitkonzept benötigt worden wäre). Es ist wohl vielmehr so, dass ich, nach dem hier zuvor Gesagten, überhaupt nicht die Wahl habe, was für Einzelbeiträge ich zu einem Zustand zusammenfasse, weil es nur ein Ensemble von solchen Beiträgen gibt im Moment dieser Betrachtung, und ich mich mit meinem Gehirn ebenfalls in diesem Moment befinde. Umgekehrt sind es vielmehr diese Einzelbeiträge, die schließlich definieren, was "gleichzeitig" heißt. Es gibt zwar andere Zustände als denjenigen, in dem man sich befindet, aber sie sind irgendwie virtuell, und da es keine Zeit gibt, ist unklar, wie man in einen dieser weiteren Zustände gelangt.

Jetzt wird das bisher Gesagte für die zwei Bereiche "Neuro/Phäno" und "Physik" zusammengefasst. Andernfalls kommt dieser Hirnbrief niemals zu einem Ende.

Für "Neuro/Phäno" sieht es auf dem phänomenalen Niveau so aus, als ob es eine Sammlung von Gegenständen oder anderen Entitäten gebe, die (wie man es im Alltag in einer als "echt" empfundenen Realität auffasst) ein(e) jede(r) nur einmal existiert. Freilich kann es jederzeit ähnliche Entitäten geben. Selbst von einem Knall, wenn er sich wiederholt, wird man nicht annehmen, dass es in jeder Hinsicht derselbe Knall ist, den man hört. Vielmehr ist es ein anderer, der dem vorangegangenen evtl. sehr ähnlich ist. Andere Entitäten können zT. sehr lange existieren, sie sind ebenfalls einmalig, wie zB. der Stuhl, auf dem ich gerade sitze. Ich kann jedoch mehrere getrennte Male mit diesem selben Stuhl zu tun haben. Dass die Welt voll ist von einander sehr ähnlichen Entitäten, hat damit nichts zu tun.

Auf dem neuronalen Niveau kann mehrfach "dasselbe" keinesfalls irgendwie durch mehrfach denselben Erregungsvorgang (auch nicht durch dieselbe Konnektivität) wiedergegeben werden. Vielleicht ist der Hauptzweck der Existenz des phänomenalen Niveaus, mehrfach auf einen einmal aufgetretenen Erregungsvorgang verweisen zu können, und getrennt davon eine Variable "Zeit" zu unterhalten. Letztere unterscheidet die me
hrfachen späteren neuronalen Wiederholungen voneinander, und ordnet ihr Verhältnis zu anderen Vorgängen.

Es ist allerdings schwierig, sich die genannten neuronalen Vorgänge vorzustellen, weil eine jede Vorstellung von phänomenaler Natur ist, die zwangsläufig die gewöhnliche fortlaufende Zeit einschließt, und alle Ereignisse entlang der Zeit aufgereiht erscheinen.

Der naturwissenschaftliche Zweig "Physik" wird ausschließlich auf dem phänomenalen Niveau abgewickelt, wo man bereits die aus dem Alltag vertraute Zeit vorfindet, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst. Ich habe jedoch darzulegen versucht, dass man eigentlich, mitsamt sich selbst als Beobachter, in einem Zustand "festsitzt", weil nämlich "die Physik in einem engeren Sinne" nur jeweils einen (nämlich den gegenwärtigen) Zustand mitsamt dem Verweis auf den nächsten Zustand kennt. Die Frage ist, wie man denn in diesen nächsten Zustand gelangt.

Es ist ein wenig so wie bei den Affen das Verhältnis zwischen der eigenen und einer fremden Hand (Hirnbrief 42/43; 2009), oder, erweitert auf den ganzen Affen, das Verhältnis zwisch
en sich selbst und einem anderen Affen. Sozusagen weiß man, dass ein anderer Affe irgendwie so ist wie man selbst, aber man weiß nicht, wie man zu diesem anderen Affen werden kann. Das phänomenale Niveau würde für diesen Fall einer Darstellung entsprechen, in der alle Affen gleichermaßen dargestellt sind. Übertragen auf "die Zeit" sind die Affen durchnumeriert.

In der gewöhnlichen Physik werden viele Erscheinungen räumlich oder auch zeitlich kontinuierlich angenommen, obwohl nur hin und wieder punktuelle Proben genommen werden. In der Physik (und auch im Alltagsverständnis) vereinfacht sich dadurch einiges. Räumlich ergeben sich Theorien, die Felder annehmen (Gravitation, Elektromagnetismus), die aber erst in den letzten hunderten von Jahren entwickelt werden konnten. Die entsprechende zeitliche Vorstellung ist hingegen uralt: Gegenstände werden nur hin und wieder inspiziert, aber sie gelten auch dann als unverändert existent, wenn sie nicht beobachtet werden. Vielleicht ist das phänomenale Niveau des Bewusstseins die dazugehörige "Theorie".

Fertig sind die Geschichten natürlich nicht, nur dieser Hirnbrief endet hier.


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