Webseite von Jürgen Krüger. Ich will:

 Grenzen der Neurowissenschaft bestimmen, Bewusstsein beschreiben. Mögliche Beziehungen zwischen N und B zusammentragen. Dazu ab und zu ein Hirnbrief.

Determine boundaries of neuroscience. Describe consciousness. Collect possible relationships between n and c. A brain letter from time to time.
sometimes  in English / parfois en Français

Jürgen Krüger, Prof. Dr., Dipl.Phys., im Ruhestand, AG Hirnforschung 79104 Freiburg. - Zunächst Mehrquantenübergänge, Tieftemperaturphysik. Dann Neurophysiologie des visuellen Systems (Katzen, Affen). Multielektrodenableitungen. Uni Parma: Chronische Implantation von 64 Mikroelektroden ("Spiegelneurone")
Retired physicist, neurophysiological studies, using multiple electrodes on animals; mirror neurones (Parma)

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Der Hirnbrief Nr. 2, 2018

Abtauchen in die Rückbezüglichkeit

Meine Behauptung ist, dass "ein kurzzeitiger neuronaler Prozess die Grundlage sein kann für einen langanhaltenden konstanten phänomenalen Gehalt des Bewusstseins". Im vorigen Hirnbrief 1;2018 stehen die wesentlichen Punkte, und auf frühere Hirnbriefe hierzu habe ich dort verwiesen. Jemand riet mir kürzlich, diesen Punkt in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu publizieren. Das sei eine "starke Annahme", denn die späteren Teile eines solchen phänomenalen Gehalts würden durch keinerlei inhaltstragenden neuronalen Prozess gestützt. Eine derartige Vorstellung wird von vielen Gelehrten zurückgewiesen; von durchaus kompetenten Leuten kriegt man zu hören: "Wie soll denn das gehen?"

Inzwischen habe ich den Haupttext, d.h. die Darlegung der stützenden Sachverhalte so einigermaßen fertiggestellt. In einer wissenschaftlichen Veröffentlichung muss es aber auch eine ordentliche Diskussion geben. In dieser soll betrachtet werden, was andere Gelehrte zum selben Thema gesagt haben. Auch soll darauf eingegangen werden, welches die erweiterte Bedeutung dieser Geschichte ist, wobei ich mich jedoch verstrickt habe in die argumentative Rückbezüglichkeit. Auf diese stößt man sofort, wenn man bedenkt, dass die gegenübergestellten Hälften der "starken Annahme" letzlich beides phänomenale Gehalte sind, wie überhaupt alle Inhalte, über die ich nachdenke oder schreibe. Ich betrachte hier den Fall der visuellen Wahrnehmung, deren Inhalte ja phänomenale Gehalte sind. Der dargebotene Reiz möge der Ziffern-Schriftzug "94732" sein.

Es gibt da also, als "erste Hälfte", einen kurzzeitigen neuronalen Vorgang, den man üblicherweise als der Naturwissenschaft angehörig auffasst, weil ein jeder ihn (im Prinzip) beobachten kann. Es ist natürlich nicht irgendein neuronaler Vorgang, sondern einer, der sich einreiht in eine Abfolge von physikalischen und neurophysiologischen Vorgängen, die in Frage kommen für das Entstehen der betreffenden Wahrnehmung. Ungefähr so weit wird das zur Naturwissenschaft gezählt.

Man stößt auf die Rückbezüglichkeit, wenn man weiter bohrt. Sie zeigt sich dadurch, dass Beobachtungsinhalte generell im Bewusstsein aufscheinen müssen, denn ein unbewusstes Beobachten (von dem man nichts weiß, und an das man sich nicht erinnern kann) ist nicht möglich. (Prozedurale Verarbeitungen, mitsamt Bildung von prozeduralem Gedächtnis, sind hier nicht gemeint.) Nur ich kann beobachten, denn nur ich kann bei mir ein jegliches Aufscheinen feststellen. Es widerspricht der Subjektivität des Bewusstseins, dass auch andere Personen jene neuronale Erregung (egal ob bei sich oder in einem anderen Individuum) beobachten können. Angebliche Hinweise darauf beruhen nur auf den äußeren Begleitumständen (Anzeichen für Hingucken, Austausch von Kehlkopf-Luftdruckwellen), die aber vorhanden sein müssen, oder zumindest gefordert werden können, damit dieser "erste Anteil" der Naturwissenschaft zugerechnet werden kann. Ich kann also zum einen durch direkte Beobachtung die phänomenale Kenntnis von diesem neuronalen Vorgang erhalten, zum anderen kann ich von (am besten mehreren) anderen, ebenfalls beobachtenden Personen Folgen von Kehlkopf-Luftdruckwellen empfangen, die bei mir die (phänomenale) Bedeutung haben, dass diese Leute ebenfalls die Zahl 94732 gesehen haben. Daraus kann man aber nur schließen, dass dieser Sehvorgang rein neuronal stattgefunden haben muss, aber ob es dabei in den anderen Personen auch zu (phänomenalen) Wahrnehmungen gekommen ist, d.h. zu einem Aufscheinen im Bewusstsein, lässt sich daraus nicht herleiten. Wegen der Subjektivität kann man keineswegs einfach annehmen, dass es in mir denselben Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und neuronaler Verarbeitung gibt wie in anderen Personen; vielmehr geht es ja gerade darum, diesen Zusammenhang mitsamt der Subjektivität zu klären.

Die Aussagen dieser Leute sollten übereinstimmen, so dass ich selbst, der ja bei der Beobachtung eine andere Rolle spielt, überstimmt werden kann. Es ist sogar so, dass "die erste Hälfte" von mir selbst gar nicht stammen kann. Nämlich während ich beispielsweise die für lange Zeit eingeschaltete Zahl 94732 anschaue, dann widerspricht es zwar keinem naturwissenschaftlichen Prinzip, dass ich meine eigene Hirnaktivität währenddessen in vollem Detail beobachten kann, aber, selbst wenn das technisch gelänge, dann würde ich ja mein Gehirn während dieser Neuronenbeobachtung beobachten, und nicht bei der (ansonsten ungestörten) Beobachtung der Zahl 94732. Auch ein "eigene Hirnaktivität registrieren, abspeichern und später analysieren" käme nicht in Frage wegen der zwangsläufigen Zusatz-Annahme "das jetzt Analysierte bedeutet denselben, aber vergangenen Vorgang" (hierzu siehe Hirnbrief 30; 2011).

Also steht "die erste Hälfte", die zwangsläufig von anderen Personen als mir stammen muss, "der zweiten Hälfte" gegenüber, die wegen der Subjektivität nur von mir stammen kann. Diese Aufspaltung kann man nur umschiffen mit Sekundär-Annahmen wie etwa dem letztgenannten Umgang mit "Vergangenheit". Ein Schluss von anderen Menschen auf mich, aufgrund der allgemeinen biologischen Ähnlichkeit aller Menschen ist unbrauchbar, allein schon weil es kein Konzept für "ich" gibt.

Die "erste Hälfte" der "starken Annahme ist also schon hinreichend undurchschaubar. Die "zweite Hälfte" ist von vornherein phänomenal gemeint; es handelt sich um eine Wahrnehmung, die also nur in mir aufscheinen kann. Wohlgemerkt geht es jetzt nicht um die naturwissenschaftliche Beobachtung eine Hirnprozesses, sondern um die Wahrnehmung der Zahl 94732. Auch hier kann mir, wie bei der ersten Hälfte, ein Bericht zufließen, wobei natürlich auch wieder unzugänglich bleibt, dass oder ob die andere Person tatsächlich die Zahl wahrgenommen hat, oder ob es sich nicht doch nur um eine rein neuronale Verarbeitung (ähnlich einer physiologischen Verarbeitung in der Niere) gehandelt hat, die irgendwelche beobachtbaren Spuren hinterlässt, aus denen man schließen kann, dass diese Zahl gesehen wurde. In der Niere kommt es ja auch nur zu feststellbaren physiologischen Verarbeitungen, wenn ich z.B. eine Tasse Kaffee trinke, aber es entsteht keine (nierentypische) "Wahrnehmung" einer Tasse Kaffee (womit immer auch gemeint wäre, dass es diese Tasse Kaffee auch gäbe, wenn es in der Welt überhaupt keine Nieren gäbe).

Wenn das alles so stimmt, wie ich es hier darlege, dann ist ja alles phänomenal. Was ist denn dann eigentlich das Nicht-Phänomenale? Was ist denn ein tragfähiger Unterschied zwischen "objektiv, naturwissenschaftlich" und "subjektiv, phänomenal"?

Als Unterschied kommt in Frage, dass in der "ersten Hälfte" die Aufteilung auf mehrere Individuen schon "eingangsseitig" erfolgen kann. Das heißt im einfachsten Fall, dass das Licht (oder was sonst die Beobachtung vermittelt) schon vor dem Erreichen des Gehirns sich auf mehrere Individuen verteilen kann: mehrere Personen können das Gleiche beobachten. Das geht mit dem Sehen und dem Hören, aber schon über den Tastsinn würde eine gleichzeitige Beobachtung desselben Vorgangs schwierig werden, und das Riechen wäre in vielen Fällen zu langsam, um hier diskutiert zu werden. Und es geht nur im Rahmen der klassischen Physik, denn wenn man einzelne Photonen betrachten würde, könnten zwei Personen nie dasselbe sehen, oder ebensowenig, wenn man die individuellen Luftmoleküle eines auditiven Signals betrachten würde. Diese Partikel, wenn sie den einen Beobachter erreichen, könnten ja den anderen dann nicht erreichen.

Wie "Licht" sich ausbreitet, und wie es mehrere Individuen erreichen kann, ist letztlich natürlich auch eine phänomenale Vorstellung, die für die erste Hälfte eine Rolle spielt. All dieses wäre jedoch für die zweite Hälfte belanglos, weil es sich von vornherein um den Inhalt einer subjektiven Wahrnehmung handelt.

Nichts ist klar geworden bis hierhin, aber es kommt noch schlimmer: Das Schwergewicht der "starken Annahme" liegt ja auf den zeitlichen Verhältnissen. Diese werden im nächsten Hirnbrief näher in Augenschein genommen.

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