Jürgen Krüger:   Hirnforschung
 

 

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letzte Änderung dieser Webseite 6. März. 2021


 Der Hirnbrief 1, 2021:

Das Rückbezüglichkeitsdilemma der Zeit.

In der Wissenschaft wird gesagt, dass 'die Zeit' (und noch ein paar andere Sachen) gedanklich nicht weiter zerlegt und auf noch grundlegendere Elemente zurückgeführt werden können. Diese selbe Wissenschaft sagt auch (zumindest für die für den Alltag zuständigen 'mikroskopischen' Bereiche) dass alle fundamentalen Gleichungen der Naturgesetze (die nach Newton, Maxwell bzw. Schrödinger benannt sind) 'Differentialgleichungen in der Zeit' seien. Die genannten Naturgesetze sind auch für biologische Vorgänge, und eben auch für diejenigen im Gehirn, zuständig.

Was heißt 'Differentialgleichung in der Zeit'?

Eine Alltagsbeschreibung wäre beispielsweise, dass ich jetzt zu Hause sitze und nasse Haare habe, weil ich vor einer Viertelstunde draußen im Regen war. Das liest sich so, als ob eine Ursache nach einer Viertelstunde eine Folge haben könnte. So kann es aber nicht gehen, wenn 'Differentialgleichungen in der Zeit' gültig sind. Vielmehr kann es nur eine Aussage geben von der Art: 'Ich habe jetzt nasse Haare, weil ich einen winzigen ('infinitesimal kleinen') Zeitschritt zuvor auch schon nasse Haare hatte. Hingegen der Regen auf meinen Kopf existiert nicht (ich vermeide absichtlich, "...nicht mehr in diesem Moment" zu sagen), und deshalb kann er nichts bewirken. Die Naturgesetze sind so, dass alles in winzigen Zeitschritten vorangeht. Was man für den nächsten derartigen Schritt braucht, muss man mitschleppen, denn nur darauf kann man zurückgreifen, um den nächsten Schritt zu bestimmen. Der jeweils vorige Schritt kann dann sofort 'vergessen' werden, d.h. er existiert dann überhaupt nicht mehr, womit unter anderem auch gemeint ist, dass er keinerlei weiteren Einfluss mehr ausübt. Das gilt für die ganze Welt, einschließlich der darin befindlichen Gehirne.

Dem steht die Alltagsempfindung gegenüber, dass man meint, ein vergangener, selbst erlebter Vorgang, an den man sich erinnert, sei auf jeden Fall wahr, oder habe existiert (zum Beispiel jener Regen). Jedoch schon Augustinus hat dem vor 1600 Jahren misstraut: "Wenn wir Vergangenes als wahr erzählen, so werden aus dem Gedächtnisse nicht etwa die Gegenstände selber, die vergangen sind, hervorgeholt, sondern die in Worte gefassten Bilder der Gegenstände, die diese, da sie an den Sinnen vorüberzogen, gleichsam als Spuren im Geiste zurückließen."

Der Wissenschaftler (das kann natürlich eine Frau sein), wenn er/sie eine solche Differentialgleichung auf ein gegebenes Problem anwenden soll, versucht normalerweise, eine 'Lösung' der Gleichung für diesen Fall zu finden. Das ist in den meisten Alltagsfällen extrem kompliziert, aber man schafft das für 'bereinigte' Fälle, wie zB. die Bewegung eines Pendels, wenn diese nicht durch Nebeneinflüsse gestört wird. Die hauptsächliche Maßnahme ist dabei eine 'Integration über die Zeit'. Man vollzieht damit gedanklich, oder auf dem Papier, was in der Natur schrittweise nacheinander passiert, und erhält dann eine ganze Pendelschwingung auf einmal als Wellenkurve, und wenn man die Lösung als Zeichnung darstellt, dann ist unten drunter eine Zeitachse. In dieser Form gibt es das nicht in der Natur: da gibt es nur eine einzige momentane Position und dazu eine Geschwindigkeit des Pendels. Die Natur 'weiß' nur das (und wie es von dieser Position zur nächsten geht); was davor und später danach kommt, ist nirgends in dieser Form dargestellt. Aber es ergibt sich aus der Aneinanderreihung der Zeitschritte, und aus den dauerhaft gegebenen Umständen wie Pendellänge und Erdanziehungskraft, mit denen man sich im Moment der Beobachtung nicht befassen muss. Die Aneinanderreihung als ganze existiert jedoch nicht. Vor allem gibt es in der Natur keinerlei Mechanismus, um an Vergangenes wieder heranzukommen. Die typische menschliche Vorstellung, dass eine Pendelbewegung durch zwei Umkehrpunkte und durch eine kreisbogenförmige Bewegung gekennzeichnet ist, ist aus den Naturgesetzen nicht unmittelbar ersichtlich. Und dennoch herrschen diese Gesetze über die Bewegung, und die Dinge laufen so ab.

Hingegen die vom Wissenschaftler erarbeitete Lösung entspricht in etwa den Vorstellungen, die man im Alltag von einem Pendel hat: da hat man mehr oder weniger eine ganze Pendelschwingung vor Augen. Sozusagen ist es die Leistung der Wissenschaft, die sehr undurchsichtigen, weil konzentrierten Naturgesetze so zu erweitern, dass dabei gewöhnliche Alltagsvorstellungen über Naturvorgänge herauskommen. Umgekehrt ist es aber auch die Leistung der Wissenschaftler vor allem in den vergangenen 400 Jahren gewesen, aus Alltagsvorstellungen diese Naturgesetze überhaupt erst mal herauszuquetschen.

Die Gültigkeit der Naturgesetze für das Gehirn des Naturwissenschaftlers heißt, dass es auch im Gehirn nur momentane Prozesse gibt, die gerade mal enthalten, was direkt zu und nach diesem Moment passiert. Alles andere existiert nicht. Wie soll denn damit jemals ein Überblick über eine ganze Pendelschwingung entstehen?

Hier denkt natürlich eine jede und ein jeder an 'Gedächtnis'. Aber was soll denn 'Gedächtnis' sein, wenn man weiß (oder vielmehr fest eingebaut hat), dass außer der jeweiligen Gegenwart nichts weiter existiert? Freilich gibt es im Prinzip in jedem Moment die Möglichkeit, eine gerade gegenwärtige Situation abzuspeichern. Das kann durch Veränderungen der Signalübertragungsfähigkeiten im neuronalen Netzwerk geschehen. Zu einem sehr viel späteren Moment kann man den Inhalt wieder auslesen. Wie das neurotechnisch geschieht, muss man jetzt hier nicht erläutern. Der entscheidende Punkt ist, dass dieser Auslesevorgang dann ein gegenwärtiger Vorgang ist, und die Frage ist, woher man die Idee nimmt, dass es sich dabei um etwas Vergangenes handelt. Man kann das ja nicht überprüfen, denn das Vergangene existiert nicht ('... existiert nicht mehr' wird wieder vermieden). Anders ausgedrückt: dass dieser neuronale Erregungsvorgang, der durch das Auslesen des Speichers entsteht, etwas Nicht-Existierendes bedeutet, ist nicht ersichtlich. Das Zuhilfenehmen eines "zuverlässigen" technischen Speichers hilft da natürlich ebensowenig. Noch schlimmer: dass diese Erregung überhaupt etwas bedeutet, ist in der Naturwissenschaft nicht vorgesehen. In der Niere bedeutet die durchaus strukturierte Tätigkeit der Zellen ja auch nichts, zumal man auch nicht wüsste, für wen da etwas eine Bedeutung haben sollte. Andererseits: 'Bedeutungen' von neuronalen Prozessen, phänomenale Gehalte genannt, sind es, deren Gesamtheit das Bewusstsein ausmachen. So steht es schon in vielen früheren meiner Hirnbriefe.

Eigentlich kann man sich ja alle Funktionen des Gehirns genau so vorstellen wie die anderer Organe: die Zellen bekommen irgendwelche Eingangssignale, arbeiten diese irgendwie um, und bewirken damit Veränderungen in anderen Organen (oder im selben Organ an anderer Stelle), zB. Muskelkontraktionen, oder Substanz-Absonderungen. Da braucht man überhaupt keine Bedeutungen. Das muss man natürlich auch für das Auslesen eines Gedächtnisinhalts sagen. Dann ist dieses eben einfach ein gegenwärtiger bedeutungsloser Teilprozess innerhalb des allgemeinen Signal-Gebrodels im Gehirn, der zwar durchaus irgendetwas bewirken kann, aber man muss dafür sorgen, dass er nicht ganz allein etwas Materielles zur falschen Zeit antreibt. Man darf eben nicht im Sommer (=Gegenwart) über einen Teich gehen, weil man sich an das winterliche Eis auf dem Teich erinnert.

Jetzt kommt das Dilemma der Rückbezüglichkeit: Das ganze gedankliche Gebäude der Naturwissenschaft ist eine riesige Sammlung von phänomenalen Gehalten, also von Bedeutungen neuronaler Prozesse. Und noch viel mehr: das ganze Alltagsverständnis von Vorgängen aller Art gehört auch zu dieser Sammlung. Hier geht es jetzt um den darin enthaltenen Zeitbegriff.

Der besondere Punkt, auf den es hier ankommt, ist, dass diese Bedeutungen Integrale über die Zeit über zugrundeliegende neuronale Prozesse sind.

Um das einzusehen, muss man nur die Tatsache anschauen, dass die 'Lösungen' von naturwissenschaftlichen Grundgleichungen für einen bestimmten Fall (zB ein Pendel) dem entsprechen, was das Bewusstsein aus neuronalen Prozessen macht. Dazu sollte man lieber, statt sich die 'Lösung' für eine Pendelschwingung auf Papier aufgemalt vorzustellen, und diese Zeichnung vielleicht erst am nächsten Tag anzuschauen, das Integral im Moment eines jeden hinzugefügten winzigen Zeitschritts in Echtzeit mit Tinte auf Rollenpapier aufzeichnen, so dass für das Beispiel 'Pendel' eine laufend verlängerte Wellenkurve entsteht, deren neuester Punkt der tatsächlichen momentanen Pendelposition entspricht. Das wäre dann die Situation, wie sie im Bewusstsein vorliegt.

Wer nicht selber mal ein solches Integral ausgerechnet hat, übersieht leicht, dass man für die Rechnung Anfangsbedingungen vorgeben muss. Eine Integration ist ja nur ein Hinzufügen des winzigen Bewegungsschrittchens zum vorangehenden, im nächsten winzigen Zeitschritt. Irgendwo fängt es an, eben mit der Anfangsbedingung, mit der man mit der Aneinanderreihung der Hinzufügungen beginnt.

Es gibt in der Natur viele Fälle, bei denen sich im Lauf der Zeit gar nichts verändert. Dann besteht der gegenwärtige Wert des Integrals weiterhin nur aus der Anfangsbedingung, zu der ja im Lauf der Zeit nichts hinzugekommen ist. Das Ärgerliche daran ist, dass die Naturwissenschaft selber gar keine Aussage darüber machen kann, wo eine solche Anfangsbedingung eigentlich herkommt, und wie sie entstanden ist. Die Naturwissenschaftler nehmen das so hin, sie sind es gewöhnt. Hingegen die Bewusstseinsforscher wälzen das Problem der Anfangsbedingungen, bei ihnen "Qualia" genannt, hin und her, und es plagt sie, dass sie nicht erklären können, wie sich beispielsweise die subjektive Empfindung "rot" anfühlt, wenn man ein entsprechend gefärbten Gegenstand anschaut. Eines können die Naturwissenschaftler allerdings schon gleich dazu sagen: in gegenwärtigen neuronalen Prozessen wird man darüber nichts finden. Das wiederum wollen die Bewusstseinsforscher sich nicht so gern vorstellen. Sie hätten gern, dass diese Empfindung irgendwie durch gegenwärtige neuronale Prozesse zustandekommt.

Etwas genauer hingeschaut, würden die nachdenklicheren Naturwissenschaftler sagen, dass es eigentlich gar keine Anfangsbedingungen gibt, sondern alles im Universum seit Ewigkeiten miteinander zusammenhängt. Wenn man also den freien Fall eines Apfels vom Baum rechnerisch verfolgt, dann kann man, in der hier zuvor geschilderten Weise, die Anfangsbedingung 'Start-Fallgeschwindigkeit' des Apfels, genau im Moment des Ablösens des Stiels vom Baum, mit Null ansetzen, und auf dieser Grundlage den weiteren Verlauf des Falls genau ausrechnen. Mit mehr Nachdenklichkeit kommt jedoch hinzu, dass dieser letzte Zeitpunkt, direkt bevor der Fall beginnt, durch den Vorgang der Vertrocknung im Stiel bestimmt wurde, und so geht es weiter zurück in eine ausufernde Vielfalt noch früherer Umstände, die dann auch an ganz anderen Orten als dem des Apfels stattfanden. Letztendlich hängt alles mit allem im Universum irgendwie zusammen. Damit ist allerdings in der Praxis keiner Wissenschaft wirklich geholfen. Im Gegenteil war es ein Verdienst der Wissenschaftler, mit Hilfe dieser zeitlichen Zerstückelung manche Probleme behandelbar zu machen.

Es geht jetzt weiter mit dem Dilemma der Rückbezüglichkeit. Der Streifen Rollenpapier soll wieder betrachtet werden als Modell des Bewusstseins. Bewusst wird in einem bestimmten Moment nur das, was die Schreibfeder im 'gegenwärtigen' Moment gerade aufzeichnet. Das ist immer nur der neueste Punkt, und nicht etwa die ganze Kurve.

Im Bewusstsein laufen hunderte oder tausende von Tintenfedern auf einem sehr breiten Papierband nebeneinander her. Ein so großes Gehirn wie das des Menschen kann schon einiges anliefern. Ich denke jetzt an die visuelle Wahrnehmung. Diese ist der sensorische Teil des Bewusstseins; genau wie letzteres ist sie also kein physiologischer Prozess. (Andere Leute benutzen den Begriff vielleicht in anderer Weise.) Am einfachsten ist zunächst zu durchschauen, wenn man sich vorstellt, dass man eine völlig zeitkonstante visuelle Szene wahrnimmt. Dann zeigt die Papierrolle lauter platte Linien. Die Höhe einer jeden Linie (gegenüber einer jeweils zugehörigen Nulllinie) gibt jeweils eine einzige visuelle Variable wieder. Irgendwann in einer vielleicht sehr weit zurückliegenden Vergangenheit wurde durch die zugehörige Anfangsbedingung jede Linie auf ihren Wert gesetzt, oder ein noch älterer Wert wurde verändert auf den jetzigen. Die Zeitpunkte, wann die letzte Änderung stattfand, kann für jede Variable sehr verschieden sein.

Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass die visuellen Neurone (zumindest für den Zweck der Wahrnehmung) nur kurzzeitig tätig sind, nämlich wenn die Anfangsbedingungen gesetzt oder verändert werden. Im Beispiel einer völlig konstanten visuellen Szene liegen diese neuronalen Erregungen sämtlich in der Vergangenheit. Später nimmt man also etwas wahr, obwohl im Moment der Wahrnehmung kein Neuron das Wahrgenommene signalisiert. Kein Wunder, dass man das Bewusstsein und die Wahrnehmung überhaupt nicht verstehen kann, weil in der Naturwissenschaft alle Wechselwirkungen immer nur 'im Moment' stattfinden.

Hier muss ich zunächst eine eigentlich überflüssige Bemerkung machen: Viele Leute, durchaus auch Hirnforscher, haben das Gefühl, dass die Wahrnehmung eigentlich mehr oder weniger die einzige Zweckbestimmung des Sehvorgangs sei. Als ob die Wahrnehmung das Sehen ist. Dabei ist es ja allein schon merkwürdig, dass man etwas wahrnehmen kann ohne irgendwelche Folgen. Man "sieht" einfach etwas, und das ist ja jeden Tag enorm viel, aber das Gehirn erscheint dabei als eine Art Versickerungsgrube. Es ist ja nie ein Loch im Gesichtsfeld, so dass dort der Sandsteinzierat über dem Fenster eines am Wege liegenden Hauses abgebildet wird, obwohl ich niemals eine Aktion anknüpfe an die entsprechenden neuronalen Erregungen in der Netzhaut des Auges. Natürlich trifft diese Beschreibung nicht zu: die eigentliche Zweckbestimmung des Sehens ist vielmehr das Steuern von Bewegungen, die auf eine Kontrolle durch das Sehen angewiesen sind. Wie schon gesagt, braucht man dazu kein Bewusstsein und keine Wahrnehmung, denn es handelt sich um eine Funktion des Organs 'Gehirn'. Im Prinzip geschieht das ungefähr so in allen Organen; Bewusstsein kommt dabei nicht vor.

Jetzt wird es schwierig, und ich kann nur Vermutungen vorbringen. Wenn man nämlich nur den genannten Fall einer konstanten Szene betrachtet, würde man ja eigentlich denken, wozu denn diese langen konstanten Darbietungen im Bewusstsein dienen sollen. Für die eigentlich dahinterstehende Natur (wie man sie sich mit Hilfe der Naturwissenschaft vorstellt) scheinen ja nur die kurzen Momente neuronaler Tätigkeit von Bedeutung zu sein, und dann müsste noch ein Verfahren hinzukommen, wie man die verschiedenen Zeitpunkte dieser Tätigkeiten miteinander in Beziehung setzt. Wohlgemerkt wäre das sparsam, denn davon wären nur Zeitpunkte und nicht die viel reichhaltigeren Wahrnehmungsinhalte betroffen. Ansonsten erscheint es überflüssig, wenn ich mich im Wohnzimmer mit jemandem unterhalte, dass ich währenddessen  stundenlang und völlig konstant, aber unaufmerksam, das Mobiliar wahrnehme.

Aber im Gegenteil scheint das Bewusstsein genau auf diesem Prinzip zu beharren, und zwar nicht nur für konstante Situationen, sondern auch beispielsweise für die Charakterisierung einer Pendelbewegung. Wenn man anschaut, was in die zuständige naturwissenschaftliche Grundgleichung einfließt, dann ist es das Konstruktionsprinzip, bestehend aus Pendellänge und oben einer Befestigung, so dass nur eine eingeschränkte Bewegung möglich ist, sowie die Erdanziehungskraft und die unveränderliche Pendellänge. Von 'Zeitverlauf' ist keine Rede. Erst die Anfangsbedingungen (Auswahl einer anfängliches Auslenkung sowie einer Anfangsgeschwindigkeit) legen eine Bewegung fest, die sich dann, wie oben beschrieben, in infinitesimal kleinen Schritten weiter entwickelt. Über diese kleinen Schritte muss man dann das Integral bilden, um den jeweils momentanen Bewusstseinsinhalt zu erfahren. Damit kommt die Zeit herein. Im Fall einer deutlichen Bewegung entstehen sozusagen in schneller Abfolge immer neue Anfangsbedingungen.

Auf diese Weise nähme man wahr, wo das Pendel in einem Moment gerade ist, und wie schnell es sich dort bewegt (weiteres dazu siehe weiter unten). Zudem nimmt man weiterhin darumherum all das wahr, was konstant geblieben ist. Aber es geschieht noch mehr: Die zeitlosen Angaben, die in die Grundgleichung einfließen, werden ebenfalls so behandelt wie eine konstante angeschaute Szene. Auch sie haben Anfangsbedingungen, die man früher mal gewählt hat, nämlich die Pendellänge, und eine Jahrmillionen zurückliegende Anfangsbedingung, mit der die Erdanziehungskraft festgelegt wurde. Diese Sachverhalte erzeugen in dem Rollenpapierbild mehrere konstante Spuren, die es ermöglichen, dass die typische Art und Weise einer Pendelbewegung bewusst wird, mit zwei Umkehrpunkten, und einer Bewegung auf einem Stück einer Kreisbahn.

Schließlich wird alles, was überhaupt geschieht, zusammengeknüppelt auf Zeitkonstanz, und von all dem scheint der jeweilige Integralwert im Bewusstsein auf. Um das zu erreichen, wird eine enorme Vielzahl von Tricks eingesetzt. Der wichtigste davon ist für die visuelle Wahrnehmung, dass alle neuronalen Erregungsänderungen (die ja eigentlich zu neu ermittelten Anfangsbedingungen führen müssten), die mit eigenen Körper- oder Augenbewegungen einhergehen, als 'ungültig' erklärt werden, so dass ältere Anfangsbedingungen weiter gelten. Die Folge ist, dass man das Mobiliar zu Hause tagelang als unverändert wahrnehmen kann. Mit der früher vorgeschlagenen Alternative, nämlich die optischen Folgen aller Augen- und Körperbewegungen genau herauszurechnen, wäre das Gehirn total überfordert, und es käme bestenfalls dabei heraus, dass das Mobiliar ungefähr stabil bliebe. Ein weiterer Trick ist, alles was die Neurone (räumlich und zeitlich) als ungefähr konstant erkennen, als exakt konstant anzunehmen. So kann ein Baum, im Rollenpapierbild als eine oder mehrere platte Linie(n) dargestellt, durch eine zusätzliche ebenfalls konstante Spur 'die Blätter bewegen sich im Wind' dargestellt werden. Das Gehirn muss sich also nur noch um die Änderungen kümmern, und das vor allem für Szenen, in denen echte Außenweltänderungen vorkommen. Weil das Gehirn immer an der Obergrenze der energetischen Leistungsfähigkeit arbeitet, versucht es diese Situation so klein wie möglich zu halten.

Man muss aber noch anschauen, was mit den Bewusstseinsinhalten passiert genau in den Momenten einer neuronalen Änderung. Diese Situation wird 'Aufmerksamkeit' genannt. Unglücklicherweise gibt es Leute, die überhaupt nur diesen Fall mit dem Bewusstsein in Zusammenhang bringen, und auch im alltäglichen Sprachgebrauch gibt es diese Auffassung. Das Pech dabei ist, dass man es dann immer nur mit mehr oder weniger zeitgleichen Vorgängen in den Neuronen und dem Bewusstsein zu tun hat, und man damit gar nicht bemerkt, dass die Zeitverläufe sich wegen des Integrals unterscheiden. Im Gegenteil werden die Forscher dazu verleitet, das Bewusstsein aufzufassen als eine (im Moment noch undurchsichtige) Umrechnung rein physiologischer Art. Je intensiver man diesen Gedanken hegt, desto weniger will man einsehen, dass man die Existenz der Erscheinung 'Bewusstsein' naturwissenschaftlich überhaupt nicht verstehen kann. Das wird dann zwar üblicherweise schließlich zugegeben, aber 'einfach so' ('ad hoc'). Man müsse sich halt noch mehr anstrengen, dann wird man auf der Grundlage der Naturwissenschaft schon herausbekommen, wie diese angebliche Umrechnung geht. Den eigentlichen Grund für das Unverständnis bemerkt man jedoch erst, wenn man die hier wiedergegeben Betrachtungen anstellt, und man mit Wahrnehmungsinhalten ohne begleitende neuronale Erregung zurechtkommen muss. Damit kann man einsehen, warum die Naturwissenschaft mit ihrem Erklärungsrepertoire das Bewusstsein nicht erklären kann. Wohlgemerkt ist das aber noch lange nicht die Antwort auf die viel größere Frage, wie man denn nun die Existenz der Erscheinung 'Bewusstsein' überhaupt erklären kann.

Zum Fall 'Aufmerksamkeit' sei nur noch angemerkt, dass nur diese (viel weniger umfangreichen) Bewusstseinsinhalte irgendwie zeitgleich mit laufenden neuronalen Erregungen zusammenhängen. Es handelt sich dabei nur um wenige sehr kurze Stücke aus dem gesamten Erregungsgeschehen, welches ansonsten mit der Verhaltenssteuerung befasst ist. Es kann durchaus sein (im Einklang mit gewöhnlicher Neurowissenschaft), dass diese kurzen Stücke anders weiterverarbeitet werden als der Rest. Die Erscheinung 'Bewusstsein' versteht man auf diese Weise nicht, aber es kann sein, dass beispielsweise die Sprachverarbeitung nur an diese kurzen Stücke anknüpft.  

Man hat das Dilemma der Rückbezüglickeit folgendermaßen vor sich: Es scheint so, dass die Natur nur die Ereignisse 'kennt', die der Mensch als Änderungen auffasst. Das wären beispielweise die Entstehung eines Elektrons, und noch viele andere Vorgänge an anderen Orten und zu anderen Zeiten. Wenn dieses Elektron nach 10000 Jahren seiner Existenz durch einen Blitz abgelenkt wird, dann 'kennt' die Natur die Details dieser Wechselwirkung (auch wieder als etwas, was der Mensch als Änderung auffasst). Die konstanten Zustände dazwischen 'kennt' die Natur nicht, sondern nur ein Geflecht von Beziehungen zwischen den Änderungen, die wir als zeitliche (und auch räumliche) Beziehungen auffassen. Das ergibt dann, irgendwie mit Hilfe jener zeitlichen Integrationen, diejenige Zeitvorstellung, die wir im Alltag stets und unausweichlich im Bewusstsein vorfinden. Ich halte das für ein rein menschliches Verfahren, um mit der Welt zurechtzukommen. Das Dilemma ist, dass wir dann, als Bewusstseinsforscher - mit der Integrationsmaschinerie im Kopf -  mit dem einzig zur Verfügung stehenden Werkzeug 'Naturwissenschaft' das Bewusstsein erforschen sollen. Das kann natürlich nur schiefgehen, denn der Naturwissenschaft kann man keine Beobachtungsergebnisse anbieten, die eine Beziehung eines Bewusstseinsinhalts zu einem nicht existierenden (...nicht mehr existierenden) neuronalen Vorgang nachweisen.

Die theoretischen Physiker haben erhebliche Zweifel am Begriff der Zeit, und wenn man bedenkt, dass physikalische Theorien Bewusstseinsinhalte sind (und nicht etwa direkt irgendwelche neuronalen Prozesse) dann muss sich die Bewusstseinsforschung den Zweifeln wohl anschließen. Immerhin, wenn die Bewusstseinsforscher sich mal anstrengen, dann könnten sie den Physikern vielleicht ein paar zusätzliche Hinweise geben. Es ist zwar oftmals gerechtfertigt, dass ein knochentrockener Physiker sofort Reißaus nimmt, wenn er/sie das nasse unexakte Gehirn auch nur erwähnt hört, nämlich wenn er/sie zuvor Kenntnis erhalten hat von naiven Vorschlägen von Direktbeziehungen zwischen Elementen der theoretischen Physik und dem Bewusstsein. Aber letztendlich hängt ja doch alles mit allem zusammen, und es wird wirklich schwierig werden. Um Vorgänge von der Art 'erst Bewusstseinsinhalt, und daraufhin beobachtbarer Vorgang' zu erklären (dazu gehören Fragen nach dem Freien Willen, und nach dem Nutzen des Bewusstseins) ist die Naturwissenschaft nicht gerüstet. Wer sich nicht um die Natur der Naturwissenschaft bemüht, kann kein Bewusstseinsforscher sein.

Da müssen alle Wissenschaften zusammenrücken, aber auch dann wird das Risiko sehr hoch bleiben, in vernünftigem Zeitrahmen handfeste Ergebnisse zu erhalten. Dieses Risiko wird viele am Gehirn interessierte Forscher verscheuchen und in die molekularen oder zellulären Forschungsbereiche treiben, wo man mit ordentlicher Ausbildung in endlicher Zeit brauchbare Ergebnisse erzielen kann, auf denen sich eine Karriere aufbauen lässt. Da hilft nur, sich an die einzigen im Wissenschaftsbetrieb zu wenden, die keine Karriere machen wollen: die Ruheständler. Vielleicht müsste man dafür eine Organisationsform finden, die über einen wissenschaftlichen Bettelorden hinausgeht, mit geeigneten Forschungspreisen, und mit scharfen Wettbewerben zwischen bestallten Forschern und Ruheständlern, wobei als Qualitätskriterium nicht dient, dass ein veröffentlichtes Ergebnis häufig zitiert wird, sondern dass Inhalte nachweislich aufgegriffen werden. Es gibt noch viel zu tun.