letzte Änderung dieser Webseite : 29. März. 2026
Der Hirnbrief 1, 2026
Alt werden
Inzwischen machen sich einige Alterserscheinungen in meinem Gehirn deutlich bemerkbar.
Was da nicht mehr so gut geht, versteht man am besten aus einer "prozeduralen" Perspektive, die eigentlich die normale naturwissenschaftliche Beschreibung der Strukturen und der laufenden Prozesse eines Systems ist. Im Fall des Gehirns kommen dabei also keine Begriffe aus dem Bereich des Bewusstseins, wie zB. "Wahrnehmung eines Apfels" vor, sondern nur die (völlig bedeutungslosen) neuronalen Prozesse, die die Erkennung und Verarbeitung des gesehenen Apfels, mitsamt eventuellen Lernvorgängen und motorischen Reaktionen umfassen.
Wenn ein Lebewesen in der Evolution ein besonders reichhaltiges Verhaltensrepertoire entwickelt hat, dann beruht dies auf einem entsprechend umfangreichen Spektrum von gespeicherten Prozeduren (d.h. Verhaltensmöglichkeiten). Das allgemeine Dilemma ist dabei, dass die Anzahl der Ausführungsorgane nicht, oder kaum mitwächst, so dass die Prozeduren sich bei der Ausführung gegenseitig stören: Descartes merkte 1648 an: "les idées s'empêchent l'une l'autre". Eine laufende Prozedur muss ggf. unterbrochen werden, damit eine andere dringende Prozedur sofort laufen kann. Es musste deshalb eine Einrichtung ähnlich Verkehrsampeln eingeführt werden, um Prozeduren nacheinander einzeln abwickeln zu können (siehe Hirnbrief 2;2015). Noch nicht einmal die Tatsache, dass man zwei Hände hat, erlaubt ganz allgemein, zwei grundverschiedene Prozeduren gleichzeitig über je eine Hand laufen zu lassen.
Man braucht ein besonderes Management, wenn die benötigten Umstände sich im Laufe einer Unterbrechung verflüchtigen, und man sie über die Sinnesorgane nach einer Unterbrechung nicht mehr vorfinden kann. Ein großer Teil menschlicher Aktivität ist von dieser Natur: Der Arzt muss wissen, welche Tabletten er dem Patienten am Vortage gegeben hat, um deren Wirkung am nächsten Tag zu beurteilen. Für derartige Fälle muss man einen Typ von Gedächtnis konstruieren, dessen Inhalt die beobachtbaren Spuren einer Prozedur, hier also die Tablettengabe, direkt vor einer Unterbrechung abspeichert. Dafür wurde das "episodische Gedächtnis" erfunden. Am nächsten Tag kann der Gedächtnisinhalt ausgelesen, und die Behandlung fortgesetzt werden. Wenn der Arzt den Patienten hintereinanderweg behandeln würde, wäre der Einsatz eines episodischen Gedächtnisses nicht erforderlich (aus anderen Gründen vielleicht sehr wohl).
Jeder Inhalt des episodischen Gedächtnisses wird bewusst; diese bislang unverständliche Tatsache soll hier jedoch nicht diskutiert werden. Im Prinzip laufen Prozeduren völlig unbewusst ("automatisch") ab, unterliegen aber Lernvorgängen. Wenn man sagt, man "weiß" etwas, oder man "merkt sich" etwas, dann ist damit ein episodischer Gedächtnisinhalt gemeint. Wenn man die Prozedur "Radfahren" erlernt hat, wird diese Fähigkeit nicht als "Wissen" bezeichnet. Hier handelt es sich um einen prozeduralen Gedächtnisinhalt.
Im menschlichen Gehirn lauert eine Vielzahl von abgebrochenen Prozeduren. Ob oder wann sie fortgesetzt werden, ist nicht immer festgelegt. Auch werden sie nicht irgendwo mittendrin unterbrochen, um dann unbedingt genau an der Bruchstelle fortgesetzt zu werden. Wenn ich plötzlich husten muss, während ich einen Bissen auf der Gabel zum Mund führe, werde ich die unterbrochene Bewegung nicht am Bruchpunkt wieder aufgreifen, sondern eher eine neue Gesamtbewegung beginnen.
Ob eine Prozedur komplett ist oder aber als abgebrochen gelten kann, ist daran erkennbar, ob es von ihrem (ggf. vorläufigen) Ende eine episodische Abspeicherung gibt. Wenn das zutrifft, kann es eine Fortsetzung geben. Bei normalen (ununterbrochenen) Prozeduren ist ihr Ende mit eingebaut, da gibt es keine Abspeicherung des Endzustands. Wenn ich jeden Tag die Haustür aufschließe und "völlig automatisch" den Schlüssel in die Jackentasche stecke, dann "weiß" ich nichts von diesem individuellen Vorgang, d.h. es gibt von ihm keine episodische Abspeicherung. Aber normalerweise "weiß" ich, über all diese Fälle hinweg, dass ich das immer so tue (auch das ist eine Prozedur), und kann damit den Schlüssel jederzeit in der Jackentasche wiederfinden. Wenn ich eines Tages den Schlüssel nicht in der Tasche finde, kann ich die Frage nicht beantworten, ob ich den Schlüssel heute wirklich in die Tasche gesteckt habe, eben wegen der fehlenden Abspeicherung. Das kann auch jüngeren Leuten in dieser Weise passieren, denn es ist eine Folge des Normalbetriebs von Prozeduren. Wenn ich aber eine jede von fünf Ablagemöglichkeiten für den Schlüssel immer mal wieder benutze, dann muss ich mir jedes Mal merken, wohin ich ihn gelegt habe. Das fällt mir jetzt im Alter sehr schwer. Deshalb muss ich versuchen, den Schlüssel immer an ein und dieselbe Stelle zu tun, und zwar sofort, d.h. ich muss vermeiden, den Schlüssel zunächst "zwischenzulagern", schnell etwas anderes zu tun, und ihn danach an die eine gewohnte Stelle zu bringen. Die erforderliche Abspeicherung, in diesem Fall des Zwischenlagers, wird im Alter sehr unsicher.
Manche unerwünschten Alterserscheinungen gab es schon recht frühzeitig: Ich gehe in den Keller, um für das Frühstück ein Glas Marmelade zu holen. "In den Keller gehen und das Treppenlicht einschalten" ist eine Prozedur. Im Keller angekommen, fällt men Blick auf die alten Skischuhe, die ich nach oben bringen wollte, um sie abzutransportieren. Also trage ich sie nach oben, und erst als ich wieder an den Frühstückstisch zurückkehre, fällt mir ein, dass ich Marmelade holen wollte. Die Sache mit den Skischuhen war ja seinerzeit, bevor es zur Ausführung kam, abgebrochen worden, wobei episodisch abgespeichert worden war, dass dieser Vorgang damit nicht beendet war, sondern fortgesetzt werden sollte. Für den Anschluss an die Prozedur "in den Keller gehen" gab es also sowohl den älteren episodischen Speicherinhalt "Skischuhe hochbringen", als auch den neueren "Marmelade holen".
An dieser "Verkehrsampel" warten also diese beiden abgebrochenen Prozeduren auf die Weiterfahrt. Wenn ich unachtsam bin, und lasse anstehende Prozeduren allein zur Fortführung drängen, kommt eher die früher abgebrochene zum Zuge. Nach deren Vollzug fehlt dann jedoch der Verweis auf die fehlende Marmelade. Dafür hätte ich nur diesen besonderen Fall extra abspeichern müssen. Erst unverrichteter Dinge am Frühstückstisch stehend kann die Prozedur "Marmelade holen" wieder ihre regulären Startbedingungen erhalten.
Derartige Vorfälle nehmen im Alter zu. Ältere episodische Abspeicherungen, die ich jetzt vorfinde, haben offensichtlich einer Abschwächung widerstanden, andere sind vielleicht gänzlich verlorengegangen. Es ist nicht der Vorgang des Auslesens, sondern der Vorgang des episodischen Abspeichern beliebiger Signale, der mit dem Altern zunehmend schwierig wird. Eine sinnlose Abfolge von Schriftzeichen kann ich mir kaum noch merken, selbst wenn ich mich bemühe und die Sache mehrmals hintereinanderweg zu speichern versuche. Dieses Bemühen ist vom Gefühl einer Anstrengung, und dem Widerstreben, diese zu erbringen, begleitet.
Schon die Prozedur "in den Keller gehen" kann im Alter eine Störung erleiden, insofern als die Zusatzprüfung "ist das Treppenlicht bereits eingeschaltet?" verlorengeht. Wenn ich also wie immer den Schalter "automatisch" betätige, dann kann es passieren, ganz selten zwar, dass ich das Licht ausschalte. Das kann ich dann nur unter Aufwendung von Aufmerksamkeit korrigieren.
Schlimm wird es, wenn mir Wörter nicht einfallen. In solchen Zusammenhängen sind mit "Wörtern" immer Substantive, seltener auch Verben, gemeint. Es kommt nicht vor, dass mir etwa ein Wort wie beispielsweise "mit" nicht einfiele. Als erstes gehen Namen verloren. Damit bin ich im Rahmen eines größeren Bekanntenkreises von ungefähr ähnlich alten Leuten nicht allein. Allen ist dieser Typ von Gedächtnisverlust geläufig, und damit ist man gefeit vor dem bedrohlichen Begriff "Demenz"; vielmehr ist es ein anerkanntes Phänomen im Kreise älterer Leute. Eigenartig ist die Empfindung, die das Erzählen eines Geschehens begleitet, in der eine Person vorkommt: In mir scheint eine visuelle Darstellung der Szene auf, in der ich keine Erinnerungslücken verspüre. Die Person ist eindeutig dargestellt. Im Fortgang des Erzählens spüre ich, noch bevor ich den Satz begonnen habe, in dem die betreffende Person benannt werden soll, dass ich den Namen der Person nicht werde nennen können. Dennoch beginne ich den Satz. Je näher ich dem Moment komme, in dem ich den Namen aussprechen müsste, desto stärker wird ein Gefühl, auf ein unvermeidliches Unheil zuzusteuern. Zugleich verspüre ich die Hoffnung, dass der Name doch noch im letzten Moment aufscheint, aber wenn der geschilderte Vorlauf in dieser Form stattfindet, dann passiert das so gut wie nie. Oft schaffe ich es wenigstens, die Lücke durch eine Beschreibung der Person zu umschiffen, wenn auch im Sprachfluss dabei eine kleine Verzögerung entsteht. Da ich nun Bescheid weiß über derlei Namenprobleme, verspüre ich manchmal regelrechte Erleichterung, wenn mir der betreffende Name regulär einfällt. Ich spüre, dass es ebenso hätte sein können, dass er mir nicht eingefallen wäre.
Es gibt sogar hartnäckige Fälle, in denen mir der Name eines Knaben aus einer kinderreichen Familie nicht einfällt, alle anderen dieser Kindernamen jedoch sehr wohl. Ich habe alle diese Namen sogar schon aufgeschrieben, lese dort den betreffenden Namen, versuche, mir den betreffenden besonders nachdrücklich zu merken, aber schon wiederholt habe ich ihn dennoch immer wieder vergessen. "Vergessen" ist eigentlich nicht der richtige Begriff, denn er bedeutet, dass es irgendwann sehr wohl den betreffenden Speicherinhalt gegeben hat, er aber inzwischen verlorengegangen ist. Viel wahrscheinlicher ist, dass mir gar nicht erst gelungen ist, ihn einzuspeichern. Richtiger ist also, zu sagen, dass ich mir den Namen nicht merken könne.
Was ein Name ist, der somit besonderen Erinnerungslücken zum Opfer fällt, ist nicht so ganz klar. Manches würde ich eher als Begriff auffassen, und wenn deren Benennung verlorengeht, kommt mir das bedrohlicher vor. Im Schul-Chemieunterricht kam "Natron" nebensächlich vor, später aber jahrzehntelang nicht. Erst seit einem Jahr wird diese Substanz im Haushalt benutzt, und da kam es dazu, dass mir beim Sprechen dieser Begriff nicht einfiel. Ältere oft benutzte Begriffe scheinen solider gespeichert zu sein als neuere, aber in diesem Fall schien es nichts zu nützen, dass der Begriff schon 60 Jahre zuvor mal abgespeichert worden war. Wenn ich mich an alte Chemiekenntnisse hätte erinnern müssen, hätte ich den Begriff "Natron" vermutlich gewusst. Hingegen als es um eine kürzlich eingeführte Haushaltsanwendung von Natron ging, konnte ich auf den Begriff nicht zugreifen. Es besteht der Verdacht, dass er unabhängig von einer früheren Speicherung nun erneut (jetzt aber nur schlecht) gespeichert wurde.
Im Bereich der Körperhygiene wickle ich eine Vielzahl von jahrelang unveränderten Prozeduren ab, wobei viele Prozeduren immer in derselben Reihenfolge aneinandergereiht werden, und sich somit zusammenfassende längere Prozeduren bilden. Beispielsweise trinke ich 3 Becher Leitungswasser. Inzwischen muss ich darauf achten, dass ich diese drei Becher direkt hintereinanderweg trinke. Es ist schon vorgekommen, dass ich einen Becher getrunken habe, dann nur kurz etwas abwische, und dann nicht wusste, ob ich nun schon alle drei Becher getrunken hatte. Wenn ja, hätte das nur wenige Sekunden zuvor stattgefunden haben müssen. Als jüngerer Mensch erzeugt man offenbar immer, an jeder prozeduralen Lücke, mühelos und unwillentlich eine Abspeicherung, mit der für den genannten Fall, egal wie ausgeführt, Klarheit herbeigeführt worden wäre. Im Alter bringe ich solche Abspeicherungen nicht zustande, wegen des erforderlichen Willenseinsatzes und der dabei verspürten Anstrengung. Im Prinzip geht es noch, aber ich muss mich bemühen, und es ist lästig: Ich kann notfalls abspeichern, dass ich erst einen Becher getrunken habe.
Die Fälle nehmen zu, bei denen ich das Licht in Räumen, die ich verlasse, auszuschalten vergesse. Hier sieht es so aus, als ob eigentlich eine Prozedur "Licht-an und später Licht-aus" laufen sollte, diesind nach "Licht-an" zunächst unterbrochen ist, und eine Abspeicherung erforderlich ist, um sie zu Ende zu führen. Diese Speicherung findet jedoch nicht statt. Stattdessen läuft eine Prozedur "Licht-an", die mit der Erfüllung des Licht-Einschaltens einfach endet. Eine Extraprozedur "Licht-aus" entsteht nicht, weil keine Notwendigkeit für das ausgeschaltete Licht besteht.
Das Kinderspiel "Memory" macht die Speicherprobleme deutlich. Alle Bilderkarten liegen mit der Rückseite nach oben auf dem Tisch. Es gibt es jeweils 2 Karten mit dem gleichen Symbol. Im Laufe des Spiels dreht man eine Karte herum (auch andere Spieler sehen dann das abgebildete Symbol) und versucht, sich zu erinnern, wo die zweite Karte mit gleichem Symbol liegt, falls man gesehen hat, dass diese zuvor schon mal herumgedreht, aber dann wieder zurückgelegt wurde. Bei mir geht die Erinnerung (vielmehr ist es eine mangelhafte hinreichend lange haltbare Abspeicherung) schon nach wenigen Sekunden verloren. Ich kann nur ein bißchen herausholen, indem ich mir ab und zu die Lage irgendeines Kärtchens besonders nachdrücklich merke, vielleicht auch mit Hilfe einer Eigenschaft des Bildchens. Diese Leistung kann ich jedoch nicht für jedes Kärtchen aufbringen, und so verliere ich dieses Spiel gegen jeden Enkel. Auch der Versuch, die Lage bestimmter Kärtchen (gedacht-)sprachlich anzureichern, hilft nicht.
Letztere Idee ist schon vor Jahrhunderten vorgebracht worden, nämlich die Erinnerung an mehrere Sachverhalte zu verbessern, indem man sich zu jedem Sachverhalt eine erfundene visuelle Szene denkt, und diese sich bei einer ebenfalls gedachten Wanderung aneinanderreihen. Für den Abruf würde man diese Wanderung gedanklich abwickeln, und die assoziierten Sachverhalte sollten einem dann besser wieder einfallen. Zu damaligen Zeiten gab es nur wenige Leute in meinem Alter, und nur für diese war die Idee wohl nicht gedacht. Vielmehr könnte ein derartiges Verfahren nützlich sein, wenn es nur auf die richtige Reihenfolge einer Menge von (ansonsten gut erinnerten) Sachverhalten ankommt. Jetzt funktioniert das bei mir nicht, denn es sind die Speicherinhalte selbst, die fehlen.
Etwas Gedachtes abzuspeichern ist in meinem Fall besonders unwirksam und fehleranfällig. In dieser Hinsicht unterscheidet sich eine Tatsache von einer Lüge. Ich wurde gebeten, eine Ausstellung von Kunstwerken zu besuchen, habe aber vergessen, das zu tun. Um den Eindruck von Desinteresse zu vermeiden, habe ich die übermäßig lange Dauer eines Werkzeug-Einkaufs als Verhinderungsgrund frei erfunden. Ich hatte nicht damit gerechnet, später auf diesen Einkauf angesprochen zu werden: ich konnte mich überhaupt nicht an diese erfundene Geschichte erinnern, und wusste nicht, wovon die Rede sei. Ich hätte mich sicherlich erinnert, wenn der Vorgang in echt stattgefunden hätte.
Während ich sinnlose Zeichenfolge so gut wie gar nicht mehr abspeichern kann, scheint das prozedurale Lernen nicht beeinträchtigt. Ich verwende 3 Stärken von Zahnbürstchen; es gibt also 3 gut eingefahrene Prozeduren, mit welcher Bürste ich in welche Zahnlücke fahre. Wenn nach einem Zahnarztbesuch eine Zahnlücke verengt oder erweitert ist, muss ich die Prozeduren entsprechend abändern. Nach einigen stockenden Abläufen kommen die geänderten Prozeduren "automatisch" zum Laufen. Ein Problem, eine solche Umstellung zu bewerkstelligen, kann ich nicht erkennen. Eher passiert das Umgekehrte: Am Ende der Prozedur Nr. 3 hatte ich vor 2 Jahren den letzten Schritt weggelassen. Hin und wieder passiert es auch gegenwärtig noch, dass ich diesen doch vollziehe.
Verluste, die nicht mit Gehirntätigkeit im engeren Sinne, aber auch mit den Nervensystem zu tun haben, betreffen Fingerfeinmotorik (nur eine Buchseite umblättern; kleine Zuckungen beim Schreiben), und verminderte Gleichgewichtskontrolle (Schwierigkeit, auf einem Bein zu stehen). Ich kann normal gehen (mit altersgerechter Geschwindigkeit), und auch normal stehen, aber ich kann nicht gut langsam gehen (bei Unterhaltungen mit Freunden im Theaterfoyer), denn da dauert die Ein-Bein-Phase zu lange, bevor das andere Bein wieder den Boden berührt und eventuelle Schwankungen korrigieren kann.
Bezüglich Gedächtnis tritt bei mir ein bemerkenswerter Zusammenhang zu Fremdsprachen auf: als Schüler habe ich mehrere Jahre lang ziemlich intensiven Russisch-Privatunterricht erhalten (im "Westen", nach heutigen Vorstellungen in eher unmoderner Weise, mit viel Pauken), habe diese Sprache dann aber niemals benutzt, und könnte weder einen Text lesen, noch eine Unterhaltung primitivster Art führen. Auch habe ich normales Schul-Französisch gelernt, das ich dann allerdings in allen Jahren häufig benutzt habe, bis heute. Es passiert mir nun ab und zu beim Sprechen auf Deutsch (ohne dass jemand etwas davon bemerkte), dass in mir zu einem gerade gesprochenen Wort das russische, oder viel seltener, das französische Wort aufscheint. Es kommt mir in seltenen Fällen so vor, als ob gerade die russischen Wörter ein ganz klein wenig eher präsent sind als die eigentlich gewünschten deutschen Wörter. Deutsch ist als Muttersprache angelegt, und Französisch ist vielleicht durch die häufige Benutzung in ein muttersprachenähnliches Format gebracht worden. Dabei stelle ich mir vor, dass die Muttersprache grundsätzlich nach sparsamst möglichen vor-angelegten Prinzipien eingerichtet wird; für alle Muttersprachen gibt es sicherlich eine Vielzahl von Wenn-Dann-Beziehungen, die eine sparsamere Organisation erlauben als wenn, vielleicht in weniger zuständigen Hirngebieten, jeder Fall getrennt gespeichert werden muss. Mein Russisch ist wohl in einer muttersprach-fernen Weise angelegt worden, sicherlich eher mit Extraprinzipien, die viel mehr Speicherplatz benötigten, aber genau deswegen geht diese Sprache weniger schnell verloren. Wohlgemerkt sind die hier berichteten Fremdsprachen-Erscheinungen erst in meinen letzten zehn Lebensjahren aufgetreten; vorher niemals. Zuvor wusste ich gar nicht, dass ich einen so umfangreichen Zugriff auf russische Vokabeln habe. Dennoch glaube ich nicht, dass da regelrecht mit dem Alter etwas entstanden ist, sondern nur, dass es sich um die (freilich im Moment geringfügigen) Auswirkungen eines Zerfalls von reichhaltiger versus sparsamer Kodierung handelt.
Es gibt jedoch auch Merkwürdigkeiten im Zusammenhang mit Zahlen: ich kann mir Telefon- oder Kontonummern besonders gut merken, und mich oft sogar richtig erinnern, wenn ich mir die Nummer gar nicht merken wollte. Ohne dass ich mich darum bemühe, startet beim Anblick einer geschriebenen Nummer sofort eine Suche nach rechnerischen Regeln, Symmetrien oder Verwandtschaften mit schon bekannten Nummern. Wenn ich längere Nummern öfter verwende, erhalten sie einen Sprechrhythmus mit Betonungs-Akzenten. Damit kann ich sie mir besser merken, aber ich erkenne sie nicht, wenn jemand sie mit anderem Rhythmus hersagt. Schon von der Arbeit in der Foto-Dunkelkammer zu Schülerzeiten stammt eine andere Merkwürdigkeit: durch Zählen einundzwanzig, zweiundzwanzig usw. zB. bis achtzig konnte ich Belichtungszeiten kontrollieren, aber während des Zählens an etwas anderes denken, oder mit jemandem sprechen. Die Zählprozedur lief immer weiter, und wurde durch andere Prozeduren nicht unterbrochen. Das funktioniert auch heute noch: bei einer gymnastischen Übung zähle ich bis hundert, und kann währenddessen überlegen, welchen Einkauf ich demnächst erledigen muss. Wenn ich bei hundert ankomme, sind nachweislich 85 Sekunden vergangen. Allerdings wird diese Prozedur täglich aufgefrischt, so dass sie nicht geeignet ist, altersmäßigen Zerfall anzuzeigen.
Es gibt ja viele Prozeduren, wie zB. Gehen, die von anderen Prozeduren nicht unterbrochen werden. Das Besondere bei meiner Zählprozedur ist jedoch, dass das Ziel "hundert" nicht aus der Außenwelt über Sinnesorgane hereingeholt wird. Im Gegensatz dazu erkennt man beim Gehen das Erreichen eines Ziels über die Sinne. Ich kenne als ähnlichen Fall nur das Beispiel der Wüsten-Ameise, die durch Schritte-Zählen in einer strukturlosen Außenwelt zu ihrem Nest zurückfindet.
Das Wesentliche bei den Altersverlusten scheint zu sein, dass mehr und mehr Prozeduren einfach auf normale Weise bis zu ihrem Ende laufen, und fertig. Ich bin nicht imstande, falls erforderlich, an ihren Enden eine episodische Abspeicherung anzubringen. Dann weiß ich hinterher nicht, dass ich die Prozedur ausgeführt habe. Oder man sagt, dass ich sie "automatisch" ausgeführt habe. Beispielsweise kratze ich an einer (erstmals) juckenden Stelle am Arm. Wenn es eine Abspeicherung der genannten Art gibt, dann gilt die Prozedur als abgebrochen, und es kann eine Fortsetzung geben (z.B., bei einem nächsten Mal zu wissen, dass ich dort schon einmal gekratzt habe). Es kann dann aber auch eine andere Prozedur an sie angeschlossen werden. Dadurch entsteht die Möglichkeit, zu wissen, dass ich die Prozedur ausgeführt habe, und dass ich dies auch aussprechen kann. In diesen Fällen wird mir die Ausführung der Aktion bewusst (was weiterhin unverständlich bleibt).
Im Hirnbrief 1 (2022) hatte ich im Zusammenhang mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Primaten geschrieben: "Wenn ein Unterbrechungs- und Fortsetzungs-Management einmal eingerichtet ist, dann ist der Weg frei für die Entwicklung von Prozeduren von quasi unendlich langer Dauer. Ohne ein solches Management ist eine Unterbrechung immer ein Abbruch; die Entwicklung längerdauernder Prozeduren wird durch irgendwelche dringenden, sich dazwischenschiebenden anderen Prozeduren immer wieder verhindert." Und weiter: "Die Entwicklung des genannten Managements ist ein pauschales Verfahren, um zu höheren Hirnleistungen zu kommen. Es ist nicht damit befasst, was bearbeitet werden soll, im Gegensatz etwa zu einer direkten Entwicklung von individuell gestalteten Hochleistungsprozeduren. Man kann ein solches Verfahren auch umgekehrt als eine Möglichkeit sehen, kleinere Prozeduren (mit Pausen dazwischen) aneinanderzuketten."
Mit zunehmendem Alter ist dieses Verfahren in Gefahr. Man beherrscht zwar weiterhin die einzelnen Teil-Prozeduren, die oftmals viel älter sind und deshalb lange erhalten bleiben. Aber weil man am Ende solcher Komponenten nicht mehr fähig ist, geeignete Speicherinhalte für Fortsetzungen anzubringen, werden längere komplexe Gedankengänge zunehmend erschwert. Möglichst nicht gestört werden kann ein bißchen helfen, aber viele Unterbrechungen (z.B. überhandnehmender Ärger über einen vergangenen Vorgang) kommen ja aus dem eigenen Innenleben.
Vielleicht finden die mit der molekularen Ebene befassten Forscher mal die richtige Kraftbrühe, die die erlahmten Synapsen wieder auf Trab bringt. Oder die Künstliche-Intelligenz-Leute stellen ein technisches Schnell-Speicherverfahren (am ehesten auf sprachlicher Basis) bereit, wobei allerdings das Hauptproblem das anschließende Management wäre, das die richtige Fortsetzung nach einer Unterbrechung findet.
In den Beschreibungen meiner Aktivitäten aller Art kommt zunehmend das Wort "noch" vor. Im Moment komme ich ja noch zurecht.