Jürgen Krüger
Hirnforschung

 

 

letzte Änderung dieser Webseite (Hirnbrief) 21. Nov. 2022

Der Hirnbrief 3, 2022:

Gehirn ohne Bewusstsein

Wenn man versucht, Hirnvorgänge mit dem Erklärungsrepertoire der Naturwissenschaften zu verstehen, dann stößt man auf zweierlei Hindernisse: zum einen gibt es vielerlei Umstände, vor allem die Komplexität des Gehirns, die ein Verständnis enorm erschweren, wenn auch nur aus praktischen Gründen. Zum anderen aber bleibt bei diesem Bemühen etwas übrig, nämlich das Bewusstsein, welches sich auf diese Weise überhaupt nicht erklären lässt, weil es nicht beobachtet werden kann. Nur ich selbst weiß aus einer Art Innenschau, dass ich phänomenale Gehalte empfinde, deren Gesamtheit das Bewusstsein ausmacht. Niemand kann beweisen, dass ein solcher Gehalt, oder Inhalt, in mir "aufscheint". So lange ich wach bin, empfinde ich ununterbrochen in jedem Moment irgendeinen solchen Inhalt. Dies kann eine visuelle Wahrnehmung, ein abgerufener Gedächtnisinhalt, ein Gedanke, oder auch ein Schmerz sein. All diese sind nur mir selbst aus meiner Innenperspektive zugänglich. Viele Inhalte treten auf, ohne dass ich meine Aufmerksamkeit auf sie richte. Aber ich empfinde auch diese als dauerhaft vorhanden.

Das hauptsächliche Vorgehen in meinen Hirnbriefen ist, wissenschaftlich verständliche Grundzüge der Hirnfunktionen als Ausgangspunkt zu nehmen, und diese zu vergleichen mit der allgemeinen Natur der von mir empfundenen phänomenalen Gehalte. Wechselbeziehungen zwischen diesen Gehalten sollen hingegen weniger berücksichtigt werden.

Die gegebene Definition des Bewusstseins weicht ab von derjenigen, die von einem Großteil der Neurowissenschaftler gegeben wird, und die auch häufig im Alltag verwendet wird: Man sagt beispielsweise "ich schaue bewusst diese merkwürdige Zange auf dem Arbeitstisch des Sattlers an", womit gemeint ist, dass man seine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet hat. Normalerweise bleibt jedoch währenddessen die ganze Sattlerwerkstatt in Form einer unaufmerksamen Gesamtwahrnehmung erhalten. In meinen Texten gilt dieser (viel häufigere und viel umfangreichere) Anteil auf jeden Fall als ein Teil des Bewusstseins, denn es handelt sich um phänomenale Gehalte, deren Natur es zu klären gilt. Dieser Anteil kann dabei sogar besonders hilfreich sein. Die meisten Wissenschaftler untersuchen hingegen Bewusstseinsvorgänge, vor allem deren sensorischen Anteil (die "Wahrnehmung"), immer unter der Bedingung der Zuwendung von Aufmerksamkeit, wohingegen unaufmerksame Anteile eher zurückgewiesen, ignoriert, verdrängt, oder bestenfalls in spärlichen Worten kommentiert werden.

Man kann phänomenale Gehalte als Bedeutungen neuronaler Prozesse auffassen: eine komplexe neuronale Erregungsverteilung bedeutet eine Sattlerzange, wobei aber ganz allgemein "A bedeutet B" keine naturwissenschaftlich gültige Operation ist. Andererseits ist die für dieses Urteil herangezogene Naturwissenschaft eine große Sammlung von phänomenalen Gehalten, so dass man befürchten muss, einem Rückbezüglichkeitsdilemma (Circulus Vitiosus) aufzusitzen.

Um einer Erklärung des Bewusstseins näher zu kommen, will ich beschreiben, wie es ist, wenn gar kein Bewusstsein beteiligt ist.

Am besten beginne ich mit einem Lernvorgang im Gehirn, und zwar einem, den ich (im Gegensatz zu den meisten Leuten) als "den gewöhnlichen" bezeichnen möchte: Zu einem Zeitpunkt liegt im Gehirn eine bestimmte neuronale Vernetzung vor. Diese kann sich entwickeln durch die Veränderung der Stärke der Signalübertragungs-Kapazitäten an den Kontaktstellen (Synapsen) zwischen den Neuronen. (Bei Wasserrohren entspräche dem ein veränderlicher Rohrdurchmesser). Diese Veränderungen umfassen auch die Neu-Entstehung (Durchmesser von Null an sich vergrößernd) oder auch die vollständige Unterbrechung (Durchmesser wird zu Null) von Kontaktstellen. Auch kann es kompliziertere Wechselwirkungen geben, weil jedes Neuron sehr viele Kontakte hat, und Signale, die über eine Gruppe von Synapsen in ein Neuron fließen, zur Folge haben können, dass andere Signale, die dasselbe Neuron über andere Synapsen erreichen, in ihrer Wirksamkeit verstärkt oder geschwächt werden.

Ein Lernvorgang passiert dann, wenn ein Schwall neuronaler Signale (beispielsweise von den Sinnesorganen) auf ein zugehöriges neuronales Netzwerk trifft, und besonders viele, oder besonders starke Erregungen in diesem Netzwerk ausgelöst werden. An den einzelnen Synapsen stellt sich das so dar, dass sowohl das ankommende Signal vor der Synapse als auch das Signal im empfangenden Neuron hinter der Synapse besonders stark sind (wobei letzteres über andere Synapsen des empfangenden Neurons hereingekommen sein kann). Tritt dieser Fall ein, so wird die Signalübertragungs-Kapazität der betreffenden Synapse verstärkt (das ist die eigentliche Gedächtnisbildung), so dass beim nächsten ähnlichen Fall allein schon das Signal vor der Synapse ein stärkeres Signal hinter der Synapse auslösen kann als zuvor. Was ein neuronales Netzwerk "erkennt", ist gegeben durch die gesamte Verteilung seiner Signalübertragungs-Kapazitäten. Wenn ein Schwall von Signalen kommt, der besonders gut passt zu dieser Verteilung, dann wird der Schwall "erkannt". Die Aufgabe eines jeden neuronalen Netzwerks ist, im Fall einer Erkennung ein für dieses Netzwerk typisches Ensemble von Ausgangssignalen zu produzieren, und dieses z.B. an bestimmte Muskeln (oder auch an andere Teilnetzwerke des Gehirns) zu senden. Das Ganze ergibt dann eine "Prozedur", z.B. "Suppe mit dem Löffel essen", die ich erlernt habe.

Im Grunde genommen ist die ganze Netzwerk-Verknüpfung ein Aufeinandertürmen von solchen Lernprozessen, beginnend nicht nur mit der Geburt, sondern ein Großteil des Gelernten wird seit der Entstehung der Tier-Art über viele Generationen als Erbe übernommen, so dass beispielsweise eine Maus sich so verhalten kann, wie sich Mäuse typischerweise verhalten.

Das Besondere ist, dass "das Gelernte" auch dann im neuronalen Netzwerk vorhanden ist, wenn gerade gar keine zugehörigen neuronalen Signale laufen. Sozusagen kann das Tier dann gar nicht erfahren, was sein Netzwerk alles kann. Erst wenn ein geeigneter Signalschwall kommt, kann man an dessen Schicksal beim Durchlaufen des Netzwerks erfahren, wozu das Netzwerk imstande ist. Das heißt aber auch, dass nur dann, wenn beispielsweise der Löffel und die Suppe auftauchen, man erfahren kann, was das Netzwerk in diesem Fall leisten kann. Mit anderen Worten: es gibt kein natürliches Verfahren, auch ohne Suppe und Löffel irgendwie herauszubekommen, ob das Netzwerk mit diesen Dingen umgehen kann. Mit noch anderen Worten: "die Welt" muss da sein, damit man mit ihr umgehen kann. Der Affe im Zoo kann den Besucher, der ihn am Vortag geärgert hat, beim nächsten Besuch wiedererkennen und ihm daraufhin eine Ladung Fäkalien ins Gesicht schleudern. Er kann jedoch nicht nach diesem ersten Besuch sich diesen Menschen vorstellen, d.h. sich an ihn "erinnern", um sich etwa eine Racheaktion zu überlegen. Der Affe "weiß" nicht, dass dieser Mensch existiert, so lange er ihn nicht sieht, obwohl in seinen Netzwerkkontakten die Möglichkeit von dessen Erkennung enthalten ist.

Das ist das "gewöhnliche Lernen" und das "gewöhnliche (prozedurale) Gedächtnis", das man in jedem Gehirn von Mensch und Tier vorfindet. Ein Bewusstsein kommt dabei nicht vor; alles ist naturwissenschaftlich zumindest im Prinzip verständlich. Radfahren zu können ist ein Beispiel. Eine weitere Besonderheit ist, wenn man etwas gelernt hat, dass die Netzwerkverknüpfungen in der vorigen "ungelernten" Version dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Wenn man radfahren kann, dann kann man sich nicht mehr verhalten wie jemand, der das nicht kann und es erlernen will (wohlgemerkt in echt; nicht simuliert).

Der wichtigste Punkt ist, dass es keine Vergangenheit gibt. Vergangene Ereignisse existieren nicht, obwohl das gegenwärtige neuronale Geschehen von der Vergangenheit abhängt. Wenn man satt ist, gibt es keinerlei Erinnerung daran, dass man zuvor hungrig war. Als Mensch kann man sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn zwar das neuronale Geschehen immer wieder ein anderes ist, aber dass es keine Abfolge ist in dem Sinne, dass die jeweiligen gegenwärtigen Situationen "nacheinander" geschehen. Dafür würde ein Zeitkonzept benötigt. Wenn dieses fehlt, kann man dennoch sehr wohl mit zeitlich ablaufenden Ereignissen zurechtkommen: Man muss gelernt haben, dass man sie in jedem Moment so steuern kann, dass zeitliche Notwendigkeiten eingehalten werden. Nur hat man keinen Überblick (man hat ohne Bewusstsein ohnehin überhaupt keinerlei Überblick über irgendetwas) über den gesamten zeitlichen Verlauf, der ja auch vergangene oder vielleicht auch zukünftige Anteile enthalten würde. Es gibt nur die Gegenwart, in der immer ein Zustand in einen anderen übergeht, aber dass das beim vorletzten Schritt auch schon so war, oder dass nach dem gegenwärtigen Schritt noch ein weiterer kommt, steht nicht zur Verfügung. Dennoch kann man so bestens im Leben zurechtkommen.

Es ist ein großes Problem, dass Hirnforschung von Menschen betrieben wird, in denen das Zeitkonzept so fest verankert ist, dass sie gar nicht anders herangehen können an die Analyse der bisher geschilderten Sachverhalte in zeitlichen Zusammenhängen.

Aus der Perspektive des Gehirns ohne Bewusstsein gibt es gar keine Außenwelt. Eine jede Nervenzelle reagiert nur in raffinierter Weise auf das, was andere Nerven- oder Sinneszellen ihnen liefern. So lange man nur die naturwissenschaftliche Sichtweise gelten lässt, kann es keinerlei Bedeutungszuweisungen geben, und vor allem keine, die besagt, dass all dieses Spuren von irgendwelchem Geschehen in einer Außenwelt sein könnten. Das gilt für alle Organe, und das Gehirn ist keine Ausnahme.

Es kann durchaus sein, dass in meinem Gehirn gerade eine Kopfbewegung neuronal veranlasst wird, so dass ich senkrecht nach oben schaue. Im selben Moment kann in mir eine Prozedur "Erkennung eines Artgenossen" anspringen, mit deren zahlreichen Verästelungen ich den Umgang mit diesem Genossen regele. Diese Prozedur meldet in diesem Moment "er schaut nach oben". Dass er und ich deshalb im selben Moment dasselbe sehe(n), ist für mich nicht ersichtlich. Es ist noch nicht einmal ersichtlich, dass ich meine eigenen visuellen neuronalen Signale auffasse als "aus einer Außenwelt kommend". Vielmehr fasse ich gar nichts irgendwie auf; für mich geht es nur darum, den unmittelbar nachfolgenden Schritt richtig (d.h. gesteuert durch die Struktur meines neuronalen Netzwerks) abzuwickeln, was auch immer dieser sei.

Bevor man über das Bewusstsein redet, muss man sich mit Affen befassen. Andernfalls ist alles nur noch viel schwieriger. Zwar gibt es hierzu schon einige Hirnbriefe (Nr. 42/43, 2009; Nr. 2, 2015 und Nr. 3, 2020), aber immer wieder werden andere Details mehr betont. Ich erzähle diesen Teil der Geschichte also noch einmal, und wieder ein bißchen anders.

Schon in der Schule habe ich gelernt, dass die Befreiung der Hände von Fortbewegungs-Aufgaben entscheidend war für die Entwicklung zum Menschen. Das ist ganz offensichtlicher Quatsch, weil es schon für die Affen gilt. Der weitere Schritt zum Menschen muss etwas anderes sein. Das Besondere an den Affen ist, dass sie all das mit den Händen tun, was man gemeinhin "Hantieren" nennt. Hingegen verrichten die meisten "gewöhnlichen" Tiere derlei Tätigkeiten mit dem Maul oder dem Schnabel. Andere Körperteile (Beine, Flossen, Flügel) dienen vor allem der Fortbewegung. Hinzu kommt bei den Affen (und auch vielen anderen Tierarten), dass sie vor allem den Sinn des Sehens stark ausgebaut haben. Wenn nun beispielsweise eine Amsel oder eine Katze mit einem Gegenstand (oftmals Futter) zu tun hat, dann bewegt sie ihren Schnabel oder ihr Maul dort hin. Dabei kommen die Augen sogleich mit heran, weil sie gemeinsam mit Maul oder Schnabel im Kopf festsitzen. Das Tier muss sich mehr oder weniger um nur zwei Koordinatensätze kümmern, nämlich "wo ist das Objekt" und "wo ist mein Kopf mitsamt Augen, aber auch mitsamt Maul oder Schnabel". Affen müssen sich hingegen mit drei Koordinatensätzen befassen, nämlich "wo ist das Objekt", "wo sind meine Augen" und "wo ist meine Hand". Das allein macht verständlich, wieso etwa ein Javaneraffe ein sehr viel größeres Gehirn hat als etwa eine Katze von gleicher Körpergröße.

Aber das ist nicht alles. Wenn nämlich ein Affe einen Gegenstand ergreifen will, dann benutzt er für die Handsteuerung vor allem das Sehen. In seinem Gehirn sind Prozeduren eingerichtet, mit denen er Gegenstände, aber auch seine Hände erkennt, und zwar in allen denkbaren Stellungen. Dies wiederum hat zur Folge, dass er mit denselben Prozeduren auch die Hände von Artgenossen erkennt. Wie schon in den genannten Hirnbriefen gesagt, darf er diese Fremd-Anblicke jedoch nicht für die Steuerung seiner eigenen Muskeln heranziehen. Das würde zu einem Chaos führen, wie es sicherlich auch ein Ingenieur erleben würde, der einen erfolgreich arbeitenden, mit einer Greifzange ausgestatteten Roboter gebaut hat, dessen zielgerichtete Zangenbewegung über eine Videokamera gesteuert wird. Wenn dieser Ingenieur nun eine zweite ebensolche Maschine gebaut hat, und deren Greifzange gerät in das Video-Blickfeld des ersten Roboters, dann wird dessen Programmsteuerung auf jeden Fall chaotisch reagieren. Wenn es mehrere derartige Maschinen gibt, muss mit Sicherheit verhindert werden, dass Bewegungen von Maschine 1 durch Anblicke der Greifzangen von Maschine 2 angesteuert werden können, wobei die Erkennung der Greifzangen jedoch nicht behindert werden darf. Die Affen müssen also eine Unterscheidung von eigener und fremder Hand einführen. Diese wirkt aber erst, nachdem eine Hand erkannt wurde. Im Verlauf der weiteren Entwicklungsgeschichte wurde die Erkennung von Händen auf die Erkennung des gesamten Körpers ausgedehnt: Affen können erkennen, dass ihr eigener Körperbau so ist wie derjenige von Artgenossen.

All diese Sorgen haben die obengenannten "gewöhnlichen" Tiere nicht. Sie hatten in ihrer Geschichte nie die Gelegenheit, zu erkennen, dass ihr Maul oder Schnabel demjenigen eines Artgenossen entspricht, allein schon, weil nur das eigene Maul sich mit dem eigenen Kopf, und damit den Augen, mitbewegt, aber auch, weil das eigene Maul so gut wie gar nicht gesehen werden kann. Vielmehr dominieren Signale vom Tast- und Geschmackssinn. Umgekehrt kann zwar das Maul eines Artgenossen gesehen werden, aber es werden keine Tast- und Geschmackssignale empfangen. Damit sind die Aussichten, das eigene Maul als etwas zu erkennen, das dem Maul eines Artgenossen entspricht, praktisch Null.

Beispielsweise eine Ratte muss zwar erkennen, dass Ratten diejenigen Tiere sind, mit denen sie Sozialbeziehungen unterhält, aber sie hat kein Verfahren (und braucht es auch nicht), das es ihr zu erkennen erlaubt, dass auch sie selbst eine Ratte ist. Vielmehr ist sie selbst eine Art Unikum. Damit meine ich die Gesamtheit neuronaler Verknüpfungen in ihrem Gehirn, das sämtliche denkbaren Aufgaben zu erledigen hat. Im Inneren dieser Gesamtheit gibt es Teilbereiche, in denen die besondere Beziehung zu Ratten erkannt, und entsprechendes Verhalten angesteuert werden kann. Im großen Ensemble der neuronalen Verknüpfungen des Unikums steckt also eine (andere) Ratte als ein kleiner Teil in diesem Unikum. Die neuronale Struktur einer "anderen Ratte" ist somit ganz offensichtlich total verschieden von der neuronalen Gesamtstruktur des Unikums.

Man kann sich die Sache verdeutlichen, indem man sich eine Videokamera vorstellt, die Aufnahmen von anderen Videokameras macht. Die erstgenannte Kamera ist natürlich, als materielles Objekt, etwas ganz anderes als die Video-Abfolge von Bildpixeln, die eine aufgenommene Kamera darstellt. Auch ist der tatsächliche Vorgang "Startknopf drücken" der ersteren Kamera von einer viel umfassenderen Natur als ein gefilmter Startknopfdruck. Das echte Startknopfdrücken hat echte kausale Folgen, weil damit die Abwicklung der Aufnahme beginnt. Der gefilmte Knopfdruck hat zwar ebenfalls Folgen, weil ja nach dem entsprechenden Einzel-Filmbild anschließend andere Filmbilder kommen, aber es ist klar, dass die Pixelverteilungen auf den folgenden Bildern nicht kausal hervorgerufen werden von den Pixelverteilungen des vorangegangenen Knopfdruckbildes.

Ohne Bewusstsein kann man eigentlich die gegebene Beschreibung von der Ratte nicht anfertigen. Dennoch kann man vielleicht ahnen, dass nur eine Art "Sicht von innen" möglich ist. Dann kann es nur ein Unikum geben, aber andere Ratten (die ja Bruchteile des gesamten Unikums-Netzwerkes sind,) kann es viele geben. Eine "Sicht von außen", d.h. eine Sicht, wie sie etwa ein Naturwissenschaftler von der Welt hat, ergäbe keinerlei hervorgehobenes Unikum, sondern nur viele Ratten. Hier kommt allerdings ein zusätzliches Gehirn, nämlich das des Naturwissenschaftlers (oder Beobachters) ins Spiel, in dem eine Bedeutungszuweisung passieren müsste, nämlich dass ein bestimmter Erregungsvorgang im Gehirn des Naturwissenschaftlers eine Ratte bedeuten kann. Das ist dann schon die hauptsächliche Spur des Bewusstseins, das noch nicht wirklich angesprochen werden soll.

In der Geschichte ganz ohne Bewusstsein "weiß" kein Tier etwas von dem, was ich bis hierhin geschrieben habe. Alle Zellen im Körper (in den Nieren, in den Muskeln und auch die Neurone im Gehirn) machen einfach nur ihre Arbeit aufgrund von Prozeduren, die im Laufe der Evolution, oder auch durch Lernvorgänge, entstanden sind. Keiner dieser Arbeitsschritte bedeutet etwas, weder für das Organ selbst, noch für irgendein anderes Organ oder System. Anhand einer Kamera kann man sehen, was gemeint ist: Eine Kamera kann für den Alltag sehr viel leisten. Unter anderem kann sie auch andere Kameras aufnehmen, aber es gibt für eine Kamera keinen Weg zu der Erkenntnis, dass eine aufgenommene Kamera so etwas ist wie die aufnehmende Kamera. Hinzu kommt, dass kein Organ die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten für die Lösung eines bestimmten Problems zu testen, ohne die betreffende Bearbeitung tatsächlich abzuwickeln. Testergebnisse können nur nach der Tat erscheinen, nämlich in Form von ausgelösten Lernvorgängen, die in eine pauschale, unspezifische Überlebens-Fitness einmünden können.

Man muss sich noch mit einem weiteren Aspekt befassen, bevor das Bewusstsein hinzukommt. Dazu stelle man sich eine richtige Grenze vor, durchaus nicht leicht zu überqueren, vielleicht sogar mit Stacheldraht bewehrt. Wenn man diese Grenze überwinden will, und steht direkt davor, dann ist in allererster Linie das Problem, wie man das schafft. Hingegen der Gesichtspunkt, dass man sich noch in einem Gebiet mit den politischen oder besitzmäßigen Verhältnissen X befindet, aber hinter der Grenze die Verhältnisse Y herrschen, steht nicht im Vordergrund, wenn man sich an dieser Stelle befindet. Auch kommt es im vorliegenden Text nur darauf an, dass es sich bei der Grenze um eine Linie handelt, während die Gebiete davor und dahinter Flächen sind. Für diese Flächen, auch weitab von der Grenze, gelten die Verhältnisse X bzw. Y jeweils überall, sind also innerhalb einer solchen Fläche konstant.

Im nächsten gedanklichen Schritt soll man sich vorstellen, dass diese Grenze nicht eine räumliche Linie, sondern ein Zeitpunkt auf einer Zeitskala ist. Vor diesem Zeitpunkt sollen andere Verhältnisse herrschen als danach. Man muss sich dazu verdeutlichen, dass allein schon die visuelle Welt fast nur aus als zeitkonstant erkannten Eindrücken besteht (wie z.B. das Mobiliar eines Zimmers), die durchaus stundenlang in jedem Moment als identisch wahrgenommen werden. Den meisten Leuten ist nicht klar, welche gewaltige Menge von zeitkonstanten visuellen Eindrücken sie ständig haben. Freilich wendet man derlei Eindrücken kaum Aufmerksamkeit zu, aber phänomenal erscheinen sie als dauerhaft vorhanden. Hier wird die Geschichte in sofern konkreter, als das Nervensystem nicht imstande ist, derart langdauernde zeitkonstanten Verhältnisse durch ununterbrochene zeitkonstante Erregungen wiederzugeben. Hier ahnt man schon ein wenig, warum man das Bewusstsein naturwissenschaftlich nicht versteht.

Ich fahre fort mit der Innensicht, welches ohnehin die einzige Sicht ist, von der man ausgehen kann. In einem Moment (es gibt sowieso nur diesen) möge im Gehirn eine Verteilung von Erregungen stattfinden. Das Lebewesen käme auf jeden Fall mit ihr zurecht, ohne irgendwelche Rückgriffe auf "Bedeutungen". Nun soll, ohne dass man einen Grund dafür angeben könnte, ein phänomenales Niveau entstehen, auf dem solche Bedeutungen von Erregungen erscheinen. "Für wen", ist sofort die erste auftauchende Frage. Damit ist von vornherein eine Aufspaltung in zwei Sorten von Inhalten auf dem phänomenalen Niveau gegeben, nämlich zum einen gibt es diesen Empfänger (auf den sich dieses "für wen" bezieht; dieser ist das "Ich"; bei den Physikern wird er "Beobachter" genannt), und zum anderen gibt es die eigentlichen Bedeutungen, die in diesem Ich "aufscheinen". Es gibt also schon Unklarheiten, noch bevor allzuviel gesagt wurde.

Wie auch immer, die erste Bedeutungszuweisung ist, dass jene genannte Verteilung von Erregungen die Änderung einer unbekannten Variablen bedeuten soll, dass sie also eine Grenze markiert zwischen zwei Zuständen. Für dieses Ich sollen also diese Erregungen eine Änderung bedeuten. Mehr im Detail: Die zwei Zustände erstrecken sich längs einer einzigen Dimension. Dann kann die durch die Erregungen gegebene Grenze nur ein Punkt sein. Warum das alles so sein sollte, ist völlig unklar.

Man ahnt schon: das Ich hängt mit dem obengenannten Unikum zusammen, also mit der Unmöglichkeit, die von Artgenossen erhaltenen neuronalen Signale als vergleichbar zu erkennen mit denjenigen, die ich intern von mir selber erhalte. Immerhin: sowohl vom Unikum als auch vom Ich gibt es nur ein Exemplar. Nebenbemerkung: Man lasse sich nicht in die Irre leiten, wenn auch jemand anderes "ich" sagt, und man somit meinen könnte, es gäbe mehrere Ichs. Dieses gesprochene "ich" kommt bei mir als eine bedeutungslose Luftdruckwelle an, die bestimmte Erregungen in meinem Gehirn anwerfen kann. Nur ich selbst kann diesen Erregungen Bedeutungen zuweisen, was auch immer diese seien mögen in diesem Fall. Dass diese andere Person ebenfalls Bedeutungen zuweisen kann, die dann direkt als fertige Bedeutungen zu mir gelangen, ist auf keine Weise ersichtlich oder verständlich, und durch Verhaltensbeobachtungen einschließlich Sprache nicht nachweisbar. Ich müsste dazu eine Empfindung haben ähnlich der Gesamtheit von Empfindungen, die ich von mir selbst bekomme, aber aus der Perspektive der anderen Person. Auch aus der gemeinsamen Zugehörigkeit zur biologischen Spezies "Mensch" kann man keine derartigen Schlüsse ziehen, da sie sich auf Sachverhalte beziehen, die außerhalb der Naturwissenschaft liegen.

Die Affen haben diesen Stand der Dinge schon überwunden, obwohl unklar ist, ob sie eine Ich-Empfindung haben. Auf jeden Fall können sie, vielleicht rein physiologisch, d.h. ohne das Auftreten eines phänomenalen Niveaus, ausnutzen, dass sie selbst so etwas sind wie ein Artgenosse. Zugleich bleibt aber erhalten, dass sie mit den Signalen, die vor allem über das Sehen vom Artgenossen kommen, keine Muskeln ansteuern dürfen. Das führt dazu, dass Affen so gut wie gar nicht imstande sind, beobachtete Aktionen zu imitieren, obwohl es in vielen Sprachen den Begriff "Nachäffen" gibt.

Auf den Menschen ist diese Doppelgleisigkeit übergegangen: Zum einen empfindet man sich selbst als ein (phänomenale) Ich-Unikum, das man aus einer Art Innenschau erlebt, so dass sich manch eine(r) die Frage stellt, was denn mit dieser Empfindung vor der Geburt war und nach dem Tod sein wird. So ist es nicht verwunderlich, dass Mutmaßungen angestellt werden darüber, ob dieses Ich vielleicht dann mit einem anderen Individuum verknüpft ist. Zum anderen empfindet man, allerdings auf eine ganz andere (eher intellektuelle) Weise, dass man ein Mensch ist wie alle anderen. Das ist das Erbe der Affen, und es ist ein erster Schritt zu einer Außenperspektive. Bemerkenswert ist daran, dass das Ich im Grunde genommen gar keine Zeitstruktur hat, ebenso wie die obengenannte aufnehmende Videokamera als dauerhaft vollständig aufgefasst wird. Dass jemand das Objektiv abschrauben könnte, ist nicht gemeint. Beginn und Ende des Ichs könnten wohl mit Geburt und Tod zusammenhängen, aber das ist eine intellektuelle Überlegung. Diese scheint ja nicht jede(n) zu überzeugen, was auf die Naturwissenschafts-Ferne dieses Konzepts hinweist. Hingegen die Ansicht "ich bin ein Mensch wie jeder andere", ähnlich gefilmten Objekten, umfasst vor allem zeitlich strukturiertes Verhalten. Gegen diese Ansicht scheint niemand einen Einwand zu haben.

Nun muss es weitergehen mit der Idee, dass neuronale Erregungen Änderungen bedeuten. Wie gesagt, gehört die Zuweisung von Bedeutungen schon zum Bewusstsein, wenn auch, sofern es bleibt wie bei den Affen, sich nur ein sehr eingeschränktes Bewusstsein ergäbe, weil es sich ausschließlich auf nur einen, nämlich den direkt benachbarten Änderungsschritt bezöge. Dass hinter diesem noch etwas kommt, wird nicht erfasst. Vielleicht ist die innere Welt der Affen damit ansatzweise beschrieben; es wäre für einen Menschen sehr schwierig, sich die zugehörigen inneren Empfindungen vorzustellen.

Wie geht nun das Gesamtgehirn (das irgendwie mit dem phänomenalen Ich zusammenhängt) um mit denjenigen in ihm enthaltenen neuronalen Teilstrukturen, die "andere Individuen" bedeuten? Insbesondere muss neuronal dargestellt werden, dass man selbst, rein körperlich, auch ein solches Individuum ist. Diese letztere Darstellung ist ein Teil der genannten Doppelgleisigkeit; sie ist die "Perspektive von außen", die enthalten ist in der Unikums-Perspektive "von innen".

Wie die Geschichte weitergeht, weiß ich selbst noch nicht. Aber ich habe den Verdacht, dass ich es vielleicht mit dem schon erwähnten Rückbezüglichkeitsdilemma (Circulus Vitiosus) zu tun habe, dass nämlich im Laufe der Fortführung dieses Textes herauskommt, dass ich die ganzen hier niedergeschriebenen Überlegungen nur deshalb anstellen kann, weil mein Gehirn genau diesen Typ von Bedeutungen bereitstellt. Das kann aber auch heißen, entweder dass bei anderen Zuordnungen zwischen Erregungen und Bedeutungen eine ganz andere Geschichte zustandekäme, oder aber dass ohne genau diese Zuordnung überhaupt keine menschlich erfassbare Geschichte entstünde. Letztere Möglichkeit ist allerdings unwahrscheinlich, weil derlei Zuordnungen ja gerade so eingerichtet werden, dass sie von dem zugehörigen Wesen erfasst werden können. Andererseits gibt es ja seit langem die Frage, worin denn, über die wohlorganisierten neuronalen Erregungen hinaus, der zusätzliche Nutzen des Bewusstseins besteht. Da habe ich den Verdacht, dass dieser sich in dem Rückbezüglichkeitsdilemma verbergen könnte.

Also mache ich mich mal an den nächsten Hirnbrief.