Jürgen Krüger:   Hirnforschung
 

 

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letzte Änderung dieser Webseite 22. Jan. 2022


 Der Hirnbrief 1, 2022:

Zwei Gedankenstränge

Zwei hauptsächliche Gedankenstränge habe ich in früheren Hirnbriefen zum Thema "Bewusstsein" angeboten, aber es gelingt mir nicht, diese wirklich zusammenzuführen. Mich treibt die Vorstellung, dass das aber irgendwie möglich ist. Hier stelle ich die beiden Stränge (erneut) vor, und anschließend ein Sammelsurium von Stichpunkten, die vielleicht für den angestrebten Erfolg eine Rolle spielen könnten.

Von diesen Gedankengängen ist einer ("Unt"), den ich vor allem im Hirnbrief 2 (2015) dargestellt habe, dass der Ursprung des Bewusstseins mit der Fähigkeit zur systematischen späteren Fortsetzung neuronaler Prozeduren nach Unterbrechungen zusammenhängt. Es geht dabei nicht um den immer wieder unterbrochenen und immer wieder fortgesetzten Nest- oder Höhlenbau der Tiere, weil man da den unfertigen Zustand jedes Mal mit den Sinnesorganen erfassen kann. Auch kann es sein, dass für solche Elementarfunktionen andere Regeln gelten.

Von Interesse sind vielmehr die Fälle, bei denen die Sinnesorgane nicht zeigen, dass, oder wie man weitermachen muss. Beispielweise kommt der Patient am nächsten Tag erneut zum Arzt, nachdem er am Vortage eine Tablette erhalten hat. Diese Gabe hinterlässt keine am nächsten Tag sensorisch erfassbaren Spuren (ich meine jetzt nicht den möglichen medizinischen Effekt der Tablette). Vielmehr muss (oder sollte) der Arzt sich an die Tablettengabe erinnern. Er muss also ein episodisches Gedächtnis angelegt haben von dem Vorgang. Dieses ruft er am nächsten Tag ab, um die Behandlung fortzusetzen. Die Erinnerung ist erforderlich, damit der Arzt eventuelle Veränderungen im Befinden des Patienten mit der Gabe der Tablette in Zusammenhang bringen kann.

An dieser Geschichte ist zweierlei von Interesse: Erstens wird das Bewusstsein üblicherweise mit dem episodischen Gedächtnis in Zusammenhang gebracht, weil Vorgänge nur dann als bewusst erlebt gelten, wenn man sich an sie erinnern kann. Wenn ich den Autoschlüssel nicht finde, dann bin ich der Ansicht, dass ich ihn unbewusst irgendwo abgelegt habe. Zweitens, wenn man ein solches Unterbrechungs- und Fortsetzungs-Management einmal eingerichtet hat, dann ist der Weg frei für die Entwicklung von Prozeduren von quasi unendlich langer Dauer. Ohne ein solches Management ist eine Unterbrechung immer ein Abbruch; die Entwicklung längerdauernder Prozeduren wird durch irgendwelche dringenden, sich dazwischenschiebenden anderen Prozeduren immer wieder verhindert. Der große Entwicklungsfortschritt liegt darin, dass länger laufende Prozeduren komplexer sein können. Man kann ein solches Verfahren auch umgekehrt als eine Möglichkeit sehen, kleinere Prozeduren (mit Pausen dazwischen) aneinanderzuketten.

Nun wird ja das Bewusstsein üblicherweise mit den höchsten intellektuellen Leistungen in Zusammenhang gebracht (wenn auch mir nicht klar ist, wie man das beweist). Jedenfalls kann man unbewusst keine Mathematik betreiben, womit ich nicht das Ausrechnen von 3 + 4 meine. Der Punkt, auf den es hier ankommt, ist, dass die Entwicklung des genannten Managements ein pauschales Verfahren ist, um zu höheren Hirnleistungen zu kommen. Es ist nicht damit befasst, was bearbeitet werden soll. Dies ist im Gegensatz etwa zu einer direkten Entwicklung von individuell gestalteten Hochleistungsprozeduren. Dieser Teil der Geschichte soll verständlich machen, wieso ein Schimpanse kein Haus bauen kann, obwohl er sicherlich imstande wäre (alles einzeln gemeint), Erze zu finden, Feuer zu machen, Metall zu schmelzen, Steine zu behauen, Kalk zu brennen, Kalk zu löschen, Steine mit Kalk zu Mauern aufschichten und immer so weiter. Nichts ist dabei, was ein Schimpanse nicht ausführen könnte, wenn alle Begleitumstände gegeben sind. Die manchmal zu hörende Anmerkung "das braucht er ja nicht" ist an Dämlichkeit eigentlich nicht zu übertreffen, weil sie die ganze Entwicklungsgeschichte leugnet. Jedenfalls könnte man die kurze Entwicklungszeit von nur ca. 5 Millionen Jahren von schimpansen-ähnlichen Primaten zum Menschen besser verstehen, wenn man annimmt, dass die jetzigen Menschen ein episodisches Gedächtnis, und das Unterbrechungs-Management entwickelt haben. Damit haben sie die Sackgasse überwunden, unterbrochene Prozeduren nicht wieder aufgreifen zu können, und damit zu höheren und langdauernden Hirnleistungen zu kommen.

Man darf (bei heutigen Affen) das fehlende episodische Gedächtnis nicht verwechseln mit einem evtl. hervorragenden prozeduralen Gedächtnis. Mit letzterem kann man etwas (durchaus komplexes) wiedererkennen, die zu erinnernde Sache muss also vorgegeben werden. Hingegen beim Abruf aus dem episodischen Gedächtnis muss man nur ein nicht inhaltstragendes Signal vorgeben, um einen Gedächtnisinhalt hervorzuholen. Das ist zwar ein gefährliches Manöver wegen der Verwechslungsgefahr mit realen Szenen, aber für diesen Punkt haben die Affen schon Vorarbeit geleistet. Einiges dazu steht schon in meinen Hirnbriefen Nr. 17, Nr. 31 un Nr. 42/43 (alle 2009).

Hiermit ist der Gedankenstrang "Unt" in etwa wiedergegeben. In seiner Beschreibung wird zwar das Bewusstsein erwähnt, aber die entscheidende Funktion des episodischen Gedächtnisses ist eine neuronale, d.h. eine per gewöhnliche Naturwissenschaft erfassbare, nämlich ein rein "neurotechnischer" Speicher- und Auslesevorgang, wie er in ähnlicher Form auch bei der Nutzung technischer Speicher vorkommt. Für das Problem des Zusammenführens mit dem anderen Strang "Int" ist das Auftreten einer zu überbrückenden zeitlichen Lücke von besonderer Bedeutung.

Der zweite Strang "Int" betrifft die visuelle Wahrnehmung. Wahrnehmung allgemein ist der sensorische Teil des Bewusstseins; sie ist ebenso wie die Bewusstseinsvorgänge ganz allgemein kein physiologischer Prozess. Vielmehr sind die Wahrnehmungs- ebenso wie die Bewusstseinsinhalte Bedeutungen von physiologischen und vielleicht noch weiteren Prozessen. Diese Bedeutungen bezeichne ich als phänomenale Gehalte. Hierbei ist wichtig, dass die Zuweisung von Bedeutungen kein Teil der Naturwissenschaft ist (aber umgekehrt sind die gesamten Inhalte des Gedankengebäudes "Naturwissenschaft" Bedeutungen von physiologischen Hirnprozessen). Der Punkt, auf den es jetzt ankommt, ist, dass die visuelle Wahrnehmung zeitlich lückenlos ist, wobei mit Abstand die meisten Wahrnehmungsinhalte über lange Zeit als konstant erscheinen. Dabei sind Perspektivenänderungen bereits herausgerechnet: die Häuser an meinem täglichen Weg zur Arbeit erscheinen mir tagelang als völlig konstant, auch während ich gehe, trotz veränderter Perspektive. Stundenlang nehme ich ein Bücherregal gegenüber von meinem Schreibtisch wahr, ohne dass ich darauf Aufmerksamkeit richte. Es erscheint mir trotz häufiger Blickwendungen als konstant.

Nicht einmal ein Laie würde annehmen, dass die Neurone im Gehirn die ganze Zeit damit befasst sind, all diese konstanten Details Millisekunde für Millisekunde zu signalisieren. Vielmehr würde man einen Trick unbekannter Art vermuten. In der Tat verbraucht das Gehirn enorm viel Stoffwechselenergie: man kann feststellen, dass die Energie nur ausreicht, um zeitliche Änderungen zu bearbeiten, und davon auch nur die wichtigsten. Also müsste das von den Neuronen übermittelte Weltbild extrem lückenhaft sein. Die überaus zahlreichen konstanten Anteile würden überhaupt nicht vorkommen. Die beiden vorigen Hirnbriefe von 2021 sind mit diesem Problem befasst. Der vermutete Trick, um nun zu einem zeitlich lückenlosen Weltbild zu kommen, ist, wenn man so will, das Bewusstsein. Dazu muss man "die Zeit" erfinden, denn ohne diese wäre ja gar nicht feststellbar, dass zwischen den Änderungs-Signalen Nr. 22 und Nr. 23 noch etwas sein müsste, nämlich ein konstanter Welt-Anteil. Wohlgemerkt kann der Besitzer des Gehirns den (hier so numerierten) Signalen nicht ansehen, dass sie "Änderungen" von irgendetwas bis dahin Unbekanntem signalisieren; es sind einfach Signale, die hereinkommen.

Wie schon im vorigen Hirnbrief gesagt, ist die Sache für einen "gewöhnlichen" Naturwissenschaftler ganz einfach: Er oder sie bildet ein Zeitintegral über die Änderungssignale, um die konstanten Lücken auszufüllen. Nur ist das Dumme dabei, dass man dazu schon wissen muss, dass es "die Zeit" gibt, und erst dann kann man anfangen, die neuronalen Signale aufzufassen als zeitliche Änderungen von anderen Signalen, die durch die Integration entstehen. In seinem Alltag macht sich der Naturwissenschaftler beim Integrieren keine Gedanken darüber, dass er oder sie damit den Originalsignalen die zusätzliche Rolle zuweist, von einem Zeitpunkt aus auf einen unmittelbar darauffolgenden zu verweisen.

Aus den genannten Hirnbriefen geht auch hervor, dass der Aufbau der ganzen für das vorliegende Gebiet zuständigen Naturwissenschaft diese Situation wiedergibt, weil alle relevanten Grundgleichungen der Naturwissenschaft Differentialgleichungen in der Zeit sind.

Immerhin, dass da irgend etwas in dieser Art stattfindet, merkt man an der unaufmerksamen visuellen Wahrnehmung, die den ganzen Tag lang das Mobiliar im Zimmer als konstant wiedergibt, und zwar oftmals auch in Fällen, bei denen sich kleinere Anteile sehr wohl verändert haben. Diese Wahrnehmung würde also rein phänomenal, also nicht neurophysiologisch, durch Integration über die neuronalen Änderungssignale entstehen. Dabei kommt eine intuitive Unverständlichkeit dadurch zustande, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem man ein solches zeitkonstantes Detail (unaufmerksam) wahrnimmt, dieses Detail neuronal überhaupt nicht signalisiert wird. Es wird sozusagen nur "gewusst", dass sich dort nichts anderes als nur dieses Detail befinden kann. Das Detail wurde nur zu längst verflossenen Zeiten tatsächlich neuronal signalisiert. Schon in den vorigen Hirnbriefen steht, dass dieses "gewusst" so ähnlich wie 3 + 4 = 7 ist, welches als gültig aufgefasst wird, auch wenn es niemand wirklich ausrechnet. Allerdings muss man im Fall einer Integration auch als "gewusst" auffassen, dass es "Zeit" gibt.

Hiermit ist der Gedankenstrang "Int" in etwa wiedergegeben. Auch hier gibt es zeitliche Lücken, die aber nicht stören in Form einer Unterbrechung, sondern die ausgefüllt werden. Wenn ich mich nun also daran mache, die beiden Stränge "Int" und "Unt" zusammenzuführen, dann lässt sich zumindest mal feststellen, dass ich keine Widersprüche überwinden muss, die zwischen den Strängen bestehen. Vielmehr ist "Unt" eine sozusagen gewöhnliche neuronale Geschichte, die auf naturwissenschaftlicher Grundlage mitsamt dem normalen Zeitbegriff ruht. Hingegen ist "Int" eine Geschichte, die direkt einen Vorschlag enthält, wie Bewusstseinsinhalte (in dem Fall Wahrnehmungsinhalte) entstehen aus neuronalen Prozessen, und vor allem, warum man das Wesen dieser Inhalte naturwissenschaftlich nicht einordnen kann.

Auf jeden Fall hat man es in beiden Fällen mit größeren zeitlichen Lücken zu tun, und immerhin bietet das naturwissenschaftlich orientierte "Unt" einen Hinweis auf das Bewusstsein durch das Auftreten des episodischen Gedächtnisses.

Das Hauptproblem, so scheint es, ist "die Zeit". Diese ist bei "Unt" schon längst erfunden und in die Naturwissenschaft eingeordnet worden, in derselben Weise wie sie auch im Alltag aufgefasst wird. Hingegen muss man bei "Int" regelrecht verlangen, dass "die Zeit" erfunden werden muss, um sie dann als Koordinate zu verwenden, längs derer die Integration durchgeführt wird.

Das Ziel ist, die Idee weiter zu verfolgen, dass eben gerade diese Unterbrechungslücke bei "Unt", deren Beschreibung mit der gewöhnlichen Naturwissenschaft verträglich ist, der Ursprung des Auffüllens von konstanten Zeitabschnitten bei "Int" ist, oder zumindest direkt etwas damit zu tun hat. Der Knackpunkt ist, dass irgendwie die Idee entstehen soll, dass neuronale Erregungen nicht einfach nur "etwas signalisieren", sondern dass sie "Änderungen von etwas signalisieren", wobei zunächst geklärt werden muss, längs welcher Koordinate (nämlich der Zeit) diese Änderungen passieren sollen.

Hier endet die Beschreibung der beiden Gedankenstränge. Es folgt nun eine Sammlung von sechs zusätzlichen Punkten, die für eine Zusammenführung der Stränge vielleicht gebraucht werden.

(1) Es kann sein, dass die Zusammenführung nicht klappen kann, ohne dass man Änderungen auch im räumlichen Bereich in ähnlicher Weise einbezieht. Immerhin gibt es ja bei der visuellen Wahrnehmung das Ausfüllen ("Filling-in") von räumlich konstanten Farb- und Helligkeitswerten in Flächen, wobei die Neurone nur den Unterschied außerhalb/innerhalb des Randes der Fläche signalisieren, und auch hier die Wahrnehmung der inneren Gebiete der Fläche durch Integration von den Rändern her zustandekommt. Allerdings ist das Konzept "Raum" anders strukturiert als das der "Zeit", allein schon wegen der 3 Dimensionen, und auch, dass man herumlaufen kann.

(2) Bei der Betrachtung der Wahrnehmung wird zwar viel geredet (wie auch hier) über die Natur der Wahrnehmungsinhalte, aber kaum über die Natur der Entität, die da wahrnimmt. Sicherlich ist das nicht einfach das physiologische Gehirn, allein schon weil dieses ja nicht auf reine phänomenale Gehalte reagieren kann. Es ist vielleicht eher das "Ich", aber dieses ist auch noch subjektiv, d.h. es gibt nur eines, nämlich dasjenige, das ich selbst empfinde. Dass andere Leute ebenfalls eine solche Empfindung haben, ist nicht feststellbar; auch nicht per ausgesandter Luftdruckwellen ("Sprache"), deren Bedeutungen nur ich verstehe. Dass andere sie ebenfalls verstehen, und nicht nur neuronal auf die Luftdruckwellen reagieren, ist nicht feststellbar.

(3) In "Unt" wird das (neuronale) episodische Gedächtnis erwähnt. So lange sein Betrieb ein rein neurophysiologischer Prozess ist, spielt immer nur eine Rolle, was gerade in der jeweiligen Gegenwart passiert (Einspeicherung zu einem Moment, Auslesevorgang zu einem anderen), und es gibt keinerlei Bedeutungen. Hingegen mit dem Bewusstsein kommen Bedeutungen ins Spiel. Davon die entscheidende ist, dass eine gegenwärtige Erregungsverteilung (erzeugt von einer Speicher-Auslesung) eine andere Erregungsverteilung, nämlich eine vergangene, bedeutet. Da muss zunächst einmal keine Rede sein von Außenwelt-Bedeutungen, wie z.B. einem Apfel. Allerdings kann eine derartige reine Zeitbedeutung ohne eine zusätzliche inhaltliche Außenweltbedeutung im Bewusstsein nicht aufscheinen, d.h. man kann sie nicht empfinden. So etwas würde bedeuten, dass ich eine Prozedur (z.B. Suppe mit dem Löffel essen) völlig unbewusst abwickle (was durchaus möglich ist), aber wenn die Abwicklung der Prozedur unterbrochen wird, mir im Moment der Fortsetzung völlig isoliert nur der vergangene Zeitpunkt des Abbruchs bewusst wird. Generell kann man sich keinen reinen vergangenen Zeitpunkt ohne irgendein zugehöriges Ereignis denken. Dieses geht nur für den gegenwärtigen Moment. Es ist das "jetzt"-Gefühl, das man ständig zusätzlich, aber ohne Bezug zu den gerade laufenden Ereignissen hat. Für einen "nicht-jetzt"-Moment gibt keine derartige Empfindung. Das gegenwärtige Jetzt-Gefühl umfasst keine Inhalte, sondern bestenfalls die Empfindung, dass die Zeit vorangeht. Auch dieses Vorangehen kann ich für zeitlich weitab liegende Momente nicht empfinden. "Jetzt" ist sozusagen eine zeitliche Differentialempfindung: sie betrifft den gegenwärtigen und den infinitesimal späteren Moment.

(4) Vielleicht muss man die letztgenannten zeitlichen Aspekte mehr dem "Ich" zuordnen als der Welt. Das "Ich" scheint es in gewisser Weise nur in der Gegenwart zu geben; damit ist diese Unikums-Empfindung gemeint, die mich selbst von innen erleben lässt. Für vergangene Momente gibt es eher Erinnerungen, in der mein Körper und meine Handlungen erscheinen.

Das "Ich" überlappt sich vermutlich mit dem Begriff des Beobachters in der Physik. Auf jeden Fall ist der Beobachter in der Physik irgendwie eingeklemmt zwischen den zwei widersprüchlichen Anforderungen, einerseits eine völlig ungestörte Welt zu beobachten, d.h. sie durch die Beobachtung nicht zu stören, andererseits aber ist diese Welt unvollständig, eben weil von ihr der Beobachter abgespalten wurde und nicht mitbeobachtet wird. Da ist es zunächst einmal nicht verwunderlich, wenn auch unverständlich, dass dieser Beobachter, oder auch das "Ich", irgendwie in einer phänomenalen nichtmateriellen Welt angesiedelt ist. Damit versackt man allerdings im Rückbezüglichkeitsdilemma, denn die ganze Welt existiert ja ohnehin nur in Form phänomenaler Gehalte, die Bedeutungen (für wen?) von neuronalen Prozessen sind, wobei auch die neuronalen Prozesse zu dieser Welt gehören.

(5) Konsequenterweise  müsste in "Unt" ein Abruf aus einen episodischen Speicher eine Änderung von etwas anderem signalisieren, und genau so ist der Inhalt ja auch abgespeichert worden. Hier müsste man genauer überlegen, wie eine Erkennung einer Änderung von Steuersignalen (siehe Punkt 6) von einer Änderung von Signalen innerhalb einer Prozedur unterschieden wird.

(6) Wie sieht eine Unterbrechung aus, wenn man die beteiligten Neurone anschaut? Zunächst einmal ist es einem Neuron egal, was für Signalverteilungen an seinen Synapsen eintreffen; es verarbeitet diese in allen Fällen nach den Regeln, denen dieses Neuron gehorcht. Die beim Neuron eintreffenden Signale können zu einer bestimmten Prozedur gehören (dann produziert das Neuron ein bestimmtes Ausgangssignal). Wenn aber eine Unterbrechung stattfindet, kommen andere Eingangs-Signalverteilungen, die zu einer anderen Prozedur gehören, und das Neuron produziert ein anderes Ausgangssignal. "Andere Ausgangssignale" können aber auch innerhalb derselben Prozedur vorkommen. Man kann also mit dieser einfachen Betrachtung eine Unterbrechung nicht unterscheiden von Änderungen, die im Ablauf derselben Prozedur vorkommen.

Nun muss eine jede Prozedur mit einer Vielzahl kleiner Varianten in den Eingangssignalen zurechtkommen (kleine Haltungs- und Bewegungs-Unterschiede beim Essen mit dem Löffel), die aber alle (mit kleinen Variationen) das Ziel der Prozedur erreichen. Deshalb braucht man eine übergeordnete Betrachtungsebene, um zu sehen, wodurch sich eine fortlaufende Prozedur von einer Unterbrechung unterscheidet.

Dazu muss man verstehen, wodurch sich eine Prozedur von einer anderen unterscheidet, unter der Annahme (wie sie für das Gehirn ganz allgemein zutrifft), dass weitgehend dieselben Neurone an deutlich verschiedenen Prozeduren beteiligt sind. Nur laufen die Signale über unterschiedliche Synapsen großenteils derselben Neurone. Man kann sich vorstellen, dass es darüberhinaus für eine jede Prozedur je eine Steuereinheit gibt, die vielleicht nur aus wenigen Neuronen besteht. Diese ist aktiv, so lange die Prozedur an der Arbeit ist. Sie sendet ihre Fasern derart ins allgemeine neuronale Gewebe, dass gerade die Neurone, die zur Prozedur gehören, eine Art Vor-Aktivierung bekommen, so dass zur Erzeugung von Ausgangssignalen viel weniger von der eigentlichen, die Prozedur kennzeichnenden Erregung gebraucht wird als ohne diese Vor-Aktivierung. Es ist, als ob die zu einer Prozedur gehörigen Neurone "aufgewärmt" würden. Das müssen nicht unbedingt immer genau dieselben Neurone sein. Jedenfalls ist das das allgemeine Verfahren, wie das Gehirn den Beschluss umsetzt, dass eine bestimmte Prozedur laufen soll, andere aber nicht, obwohl in vielen Fällen zum großen Teil dieselben Neurone beteiligt sind. Die Vor-Aktivierung bestimmt also, welche Prozedur laufen soll (da stehen allerlei Entscheidungsprozesse dahinter), während die Neurone, die diese Aktivierung empfangen, dafür zuständig sind, "wie es gemacht wird".

Dass die Neurone der Steuereinheit so lange aktiv sein sollen wie die Prozedur läuft, ist allerdings fraglich, denn es kommt im Gehirn eigentlich nirgends vor, dass die neuronale Entsprechung einer dauerhaften Situation eine konstante Dauer-Erregung ist. Dadurch müssten sehr viele Neurone über längere Zeit aktiv sein, ohne dass da besonders viel neue Information drinsteckte. Das Gehirn hat ein enormes Energieproblem; die Neurone können deshalb nur Änderungen, und davon auch nur die wichtigsten und die deutlichsten, bearbeiten.

Das ist eine allgemein gültige Regel. Sie bedeutet allerdings, dass das Gehirn sozusagen "nichts weiß" von dauerhaften Situationen aller Art. Nochmal mit Nachdruck: das Gehirn "weiß nicht", dass konstante Abschnitte überhaupt existieren. Zwischen zwei Änderungen ist Pause, und niemand weiß, wie lang diese eigentlich ist. Wenn ein Wissenschaftler ein solches Gehirn beobachtet, d.h. diese Änderungserregungen erscheinen im Bewusstsein des Wissenschaftlers als Wahrnehmungsinhalte, dann würde der Wissenschaftler zu dem Schluss kommen, dass das untersuchte Gehirn ein zeitlich sehr lückenhaftes Bild herstellt. In diesem sind für zeitkonstante Abschnitte keinerlei Daten vorhanden.

In "Unt" muss man also den Fall einer Unterbrechung einer Prozedur aus der Perspektive "nur Änderungen werden neuronal signalisiert" betrachten. Das ist insofern sehr schwierig, weil es dann keine "Zeit" gibt; diese entsteht ja erst dadurch, dass irgendwie gewusst wird, dass es konstante Perioden gibt, und wie lang diese sind. Behelfsweise muss man sich die Änderungen numeriert vorstellen: nach Nr. 22 kommt Nr. 23, aber es gibt keine Angabe darüber, wann Nr. 23 kommt. (In Wirklichkeit kann die Frage nach einem "wann" gar nicht gestellt werden.) Umgekehrt, wenn "die Zeit" schon erfunden worden wäre, und nur ein zeitlicher Abstand zwischen zwei Änderungssignalen bekannt wäre, dann wäre man schon zufrieden. Man würde keine inhaltlichen Daten von den konstanten Perioden benötigen, denn diese ergäben sich aus dem jeweils letzten Änderungssignal, das man ab diesem Schritt allerdings erstmals auffassen müsste als eine Änderung von etwas anderem.

Hier endet die Geschichte einstweilen; sie kommt mir vor wie ein winziger Teil eines riesenhaften Problems, das man niemals lösen wird. Anfrage an Radio Eriwan: "Kann man eine Lösung finden für diese Geschichte?" - Antwort von Radio Eriwan: "Im Prinzip nein, aber es wird immer wieder versucht". Auch ich will es immer wieder versuchen.